Das "Leben macht müde" - Drehtagebuch

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12. August 2003 - Erster Drehtag von "Leben macht müde"

Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich gerne Filme mache? Wie? Darüber rede ich ständig? Stimmt. Und das schlimme ist, ich rede nicht nur, ich schreibe auch noch drüber. In diesem Jahr ist das Thunderbolt-Video-Projekt so richtig fleißig. "Versuch zu lächeln" erlebte seine Premiere Ende Juni und im Juli wurde der Bukovsky-Ratzinger-Shortcut "Frauen" komplett gedreht. Doch wir haben die Nase längst nicht voll.

Am 12. August 2003 ist es soweit. Die Dreharbeiten zum mittlerweile dritten großen Thunderbolt-Video-Projekt beginnen. Unter dem Titel "Leben macht müde" soll eine schwarze Komödie über so zeitlose Themen, wie Sinn und Unsinn des Lebens, Selbstmord, Drogen und Verbrechen entstehen.

Erster Drehort ist eine Eisenbahnbrücke in Essen-Frillendorf, auf der wir uns an diesem Dienstag treffen. Mit dabei sind Simone, ihr Freund Sven, Henning, Uwe, Jochem und ich. Neu in der Gruppe ist Andreas, der sich sehr dafür interessiert, wie so ein kleiner Amateurfilm entsteht und uns deswegen seine Hilfe angeboten hat.

Der Zufall wollte es, dass wir ausgerechnet an einem der Tage mit rekordträchtiger Temperatur drehen und so ist es auch jetzt, um 19 Uhr noch extrem heiß. Irgendwie habe ich bei den letzten Filmprojekten ein Händchen dafür entwickelt, mir das richtige Outfit für den falschen Tag auszusuchen. Musste ich als Bukovsky schon 2001 und zuletzt im Juli dieses Jahres im Wintermantel mitten im Hochsommer herumrennen, habe ich mir für "Leben macht müde" ein rosafarbenes Sweatshirt ausgesucht. Wie der Name Sweatshirt entstand, ist mir schon nach wenigen Minuten klar. Doch es hilft nichts. Für meinen Part als Möchtegern- Selbstmörder Herdecke muss ich meistens mit erhobenen Armen herumstehen und sehe dabei aus, wie ein unpassend gekleideter Jesus-Darsteller bei den Passionsspielen. Doch nicht nur die Kleidung bringt Probleme mit sich.

Eigentlich müsste ich als Selbstmörder auf der Außenseite des Brückengeländers stehen. Das ist einerseits zu gefährlich, andererseits drohen für solche Spielereien empfindliche Strafen.

So behelfen wir uns mit einem Trick, filmen das Geländer aus derselben Perspektive einmal ohne mich und montieren es dann nachher am Computer auf die richtige Seite.

Für Jochem und mich bringt die heute anstehende Szene 1 schon mal einen Vorgeschmack auf die noch kommenden, sehr langen Dialoge. Doch der Text ist nicht wirklich ein Problem. Sehr schnell spielen wir uns ein und schon bald funktioniert die Szene. Aber es gibt andere Schwierigkeiten - alte Bekannte sozusagen.

Auch diesmal drehen wir - aller guten Vorsätze zum Trotz - nahe an einer Strasse. Wir hatten uns zuvor extra um einen möglichst ruhigen Drehort bemüht, doch auch eine längere Suchfahrt quer durchs Ruhrgebiet brachte keine besseren Alternativen. So müssen wir uns mit dem ständigen Lärm vorbeirasender Autos arrangieren. Und dass unter Einsenbahnbrücken auch ab und zu mal Züge durchfahren ist so überraschend nun auch nicht. Wirklich nervig wird es, als die Feuerwehr ausrückt und als nicht enden wollende Kolonne von Feuerwehrautos an uns vorbeifährt - unserer Vermutung nach, um zwei oder drei brennende Bratwürstchen zu löschen.

Auch Spaziergänger können zu einem echten Problem werden. Die meisten bemühen sich zwar, nicht mitten durchs Bild zu trampeln, doch gerade unsere älteren Mitbürger leben nach wie vor im Zeitalter des Stummfilms. Regisseur Uwe muss tatsächlich eine kleine Gruppe von Rentnern höflich darum bitten, ihr lautstarkes Gespräch an anderer Stelle weiterzuführen. Dabei versichern ihm die drei Plaudertaschen, dass sie unsere Anwesenheit wirklich nicht als störend empfinden würden. Doch Uwe löst die Situation souverän und macht den drei Störquellen klar, dass das Problem genau umgekehrt liegt. Wo die drei herkommen, haben die Fernseher wohl noch keine Lautsprecher…

Etwa um 21 Uhr ist es dann endlich geschafft. Obwohl sich de Aufnahmen wirklich schwierig gestalten und der eine oder andere aus dem Team auch mal Nerven zeigt, sind endlich alle Takes von Szene 1 im Kasten. Die spätere Begutachtung durch Uwe zeigt: neunzig Prozent des Materials sind gelungen und so steht dem nächsten Dreh nichts im Weg…

 

 

 

13. August 2003 - Zweiter Drehtag von "Leben macht müde"

Nur einen Tag nachdem Szene 1 im Kasten ist, steht heute das Finale auf dem Programm. Dabei ist eines von vorn herein gewiss. Mit dem Ton wird es keine Probleme, schließlich machen wir heute nur Innenaufnahmen und da haben wir die totale Kontrolle über die Akustik. Jedenfalls bilden wir uns das ein. Anwesend sind heute Simone, Uwe, Jochem, Bianca und ich.

In der heute anstehenden Szene 4 spielen nur Bianca und Jochem. Beide haben nicht allzu viel Text, doch dafür zergliedert sich die die Szene in viele kleine Takes, die sorgfältig vorbereitet werden müssen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch eines jener seltsam bunten Getränke, die so aussehen, als würde man nach ihrer Einnahme mitunter zu einer Art Hulk mutieren. Passenderweise ist das Produkt, das wir heute als Requisit verwenden giftgrün und sieht genau aus wie das, was es darstellen soll. Die meisten Zuschauer werden sich später keine Gedanken darüber machen, wie viel Zeit allein damit vergeht, die Flüssigkeit ins rechte Licht zurücken, ohne dass der Scheinwerfer auf dem Glas eine verräterische Reflektion erzeugt. Uwe achtet sehr genau auf die Details und das ist auch unumgänglich, wenn das Ergebnis am Schluss einigermaßen professionell aussehen soll.

Mein Beitrag zur heutigen Szene ist sehr bescheiden. Einmal halte ich einen Scheinwerfer um Jochems Gesicht optimal auszuleuchten, den Rest der Zeit nutze ich, um zu beobachten und den Schauspielern ab und zu einen kleinen Hinweis, wobei ich sozusagen der Co-Regisseur von Uwe bin.

Ich bin ziemlich beeindruckt davon, wie gut Jochem und Bianca spielen. Gerade letztere hat in dieser Szene Gelegenheit, mal wieder ihr komisches Talent unter Beweis zu stellen. Jochems Part ist wesentlich ernster, aber auch er überzeugt mich völlig. Irgendwie sieht nichts von dem, was ich heute sehe, amateurhaft aus. Es ist ein großer Spaß unseren beiden Hauptdarstellern zuzusehen. Die Stimmung ist entspannt und gelöst, als wir uns die Takes auf dem Kameramonitor anschauen wollen. Dumm nur, dass wir erst bei dieser Gelegenheit bemerken, dass das Mikro abgeschaltet war. Die gute Laube hat sich mit einem Knall in Rauch aufgelöst, doch die Gruppe fängt sich schnell und wir ziehen das Programm einfach noch mal rückwärts durch, Dabei haben Bianca und Jochem den Vorteil, dass sie mittlerweile warm gespielt sind und problemlos jeden Take noch einmal reproduzieren können. Statt der ursprünglichen zwei Stunden, vergeht nun nur rund eine halbe Stunde, bis alle Takes im Kasten sind - diesmal natürlich mit Ton.

Schließlich schauen wir uns gemeinsam die heute aufgenommen Takes an und stellen zu unserer Freude fest, dass sie zu einhundert Prozent gelungen sind. Den nächsten Dreharbeiten steht nichts im Weg. Wäre da nicht das leidige Terminproblem…

 

23. August 2003 - Dritter Drehtag von "Leben macht müde"

Für diesen Tag steht die Bochumer Studentenkneipe "Vorlesung" auf dem Drehplan. Die diente ja schon als Drehort für die Barszene in "Versuch zu lächeln" und dort fand auch die Premierenfeier des Films statt. Auch für Szene 3 von "Leben macht müde" ist sie die ideale Location und wir sind sehr froh, hier heute ein weiteres Mal drehen zu dürfen. Dabei sieht es noch am Morgen so aus, als müsste der heutige Termin ausfallen. Etwa hundert Kilometer westlich von Nürnberg bin ich gerade, als mich Uwe davon in Kenntnis setzt, dass wir bereits um halb vier starten wollen. Von da an heißt es für mich das Gaspedal bis zum Bodenblech durchzutreten. Ironie der Geschichte ist, dass ich obwohl ich die längste Distanz zurücklegen muss, als erster vor Ort bin. Jochem und Uwe verspäten sich um mehr als eine halbe Stunde.

Heute anwesend sind Henning, Uwe, Jochem und ich, so wie zwei Mitarbeiter der Vorlesung, die das Lokal vorher noch für uns herrichten.

Die heute anstehende dritte Szene ist wohl die mit den längsten Dialogen. Jochem und ich sitzen uns dabei an einem Tisch gegenüber und reden möglichst gekonnt aneinander vorbei. Wie immer bei solchen Dialogen drehen wir die Szene aus zwei Richtungen, wobei die Kamera einmal durchgehend auf Jochem und dann durchgehend auf mich gerichtet ist. Das ist die einzige Möglichkeit um mit nur einer Kamera Schnitt und Gegenschnitt aufnehmen zu können. Später lassen sich die beiden separaten Szenen dann so zusammensetzen, als wären sie tatsächlich in einem Durchlauf mit zwei Kameras gedreht worden. So machen es die Profis übrigens auch. Es braucht eine ganze Weile bis wir uns eingespielt haben, denn jetzt kommt es auf Timing und Gestik an. Die Körpersprache muss unbedingt stimmen. Noch dazu hat vor allem Jochem sehr viel Text, ist aber gut vorbereitet und verhaspelt sich nur ein oder zweimal. Insgesamt dauert der ganze Dreh rund eine Stunde und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Schauspielerisch ist das alles schon ganz in Ordnung und technisch ist an der Szene rein gar nichts auszusetzen.

Kaum zu glauben, dass bereits dreiviertel von "Leben macht müde" abgedreht sind.

Fast sieht es so aus, als würden wir pünktlich fertig werden. Doch das Leben schreibt eigene Drehbücher und so muss Jochem kurzfristig den nächsten Termin absagen. Nun heisst es erstmal warten bis September…

 

 

19. Oktober 2003 - Vierter Drehtag von "Leben macht müde"

 

Der heutige Dreh findet an Stellen rund um die Ruhr-Universität Bochum statt. Anwesend sind diesmal Heike, Simone, Henning, Jochem, Sven, Uwe und ich.

Der heutige Drehplan sieht vor allem eines vor: Slapstick und jede Menge Spaß. Unsere beiden Hauptfiguren sehen sich zum ersten Mal ihrem Verfolger gegenüber. Eine Rolle, in die die Henning geschlüpft ist, der bereits bei "Versuch zu lächeln" als Schlägertyp brillierte.

Die Temperaturen sind nicht gerade angenehm an diesem Sonntag und so bibbern wir fröhlich zwischen den Takes vor uns hin. Glücklicherweise verlangt das Skript einiges an Bewegung von uns. Für mich besonders schwierig: Eine Klettepartie über eine vielleicht ein Meter hohe Mauer, bei der ich möglichst unbeholfen aussehen soll. Gern würde ich behaupten, dabei eine schauspielerische Glanzleitung abgeliefert zu haben. Aber alles was man im späteren Film sieht ist meiner tatsächlichen Ungelenkigkeit zuzuschreiben, abgesehen davon, dass ich mich zu Anfang noch ein oder zweimal dekorativ wie ein nasser Sack auf die Mauer lege. Tatsächlich befürchte ich, oben angekommen, das Gleichgewicht zu verlieren, aber die Sache geht glimpflich aus. Wieder sicher am Boden bemerke ich zwei feixende Studentinnen, die sich königlich über meine Kletterversuche amüsiert haben - wunderbar, denn es ist ja gerade Ziel der Szene, komisch zu sein.

Insbesondere Jochem hat um knappen T-Shirt unter der Kälte zu leiden, schlägt sich jedoch hervorragend. Dasselbe gilt auch für Henning als Verfolger. Sein Debüt vor der Kamera gibt heute übrigens noch Simones Freund Sven. Er überzeugt als verdutzter Passant, der bis fünf zählen kann.

Nach gut drei Stunden Dreh sind die mehr als zwanzig Takes von Szene 2 im Kasten. Damit ist "Leben macht müde" zu 95 % abgedreht und wir stehen kurz vor der Nachbearbeitung.

 

 

Fortsetzung folgt...