Das Weihnachtsspiel
von Thorsten Küper
|
Ich
stehe da, leicht geduckt, spüre die Hitze der rötlichen Flammen im
offenen Kamin, die der kleinen gelben Flämmchen auf den Kerzen, die auf
einem sechsarmigen Leuchter entzündet worden sind und das Brennen der
Schnittwunde quer über meine Brust.
Die drei Männer starren mich an. Ihre Gesichter sind bleich, reflektieren jedoch das Feuer, so daß es scheint, als würde in ihren Köpfen selbst ein Brand wüten. Der kleinste von ihnen, der mit dem breiten, intellektuellen Gesicht und der runden Hornbrille hat nicht gewagt, sich aus dem schweren Sessel mit den ausladenden Armlehnen zu rühren. Der größte der drei zu meiner rechten, sehr kräftig, trainiert, aber mit einem Bauchansatz drückt seinen Körper an die Wand, die linke Wange wie schutzsuchend auf der Kopie eines Casper David Friedrich Gemäldes - es mag auch ein Original sein, wer weiß. Seine linke Hand ist auf die Wunde in seinem rechten Arm gepreßt. Zu seinen Füßen liegt das schwere Modell einer Lokomotive, mit dem er nach mir zu werfen versuchte, bevor ich den Angriff des dritten Mannes abwehrte. Auch der starrt mich an. Auf dem Boden liegend, die Beine von sich gestreckt, an die Wand gelehnt wie ein Betrunkener, der in irgendeiner Gasse seinen Rausch ausschläft. In seiner Hand liegt noch immer das Skalpell, mit dem er einen Luftröhrenschnitt hatte bei mir durchführen wollen - natürlich nicht aus medizinischen Gründen. Selbst jetzt noch sind seine Augen auf mich gerichtet, über dem unspektakulären Loch in seiner Wange, das aus der Distanz betrachtet ebensogut eine Verletzung sein könnte, die von einer zu eiligen Rasur herrührt. Fragmente seines Hinterkopfes bedecken die Glasrahmen von Urkunden und Zeugnissen an der Wand. Eigentlich sollen sie den Betrachter beeindrucken, doch nun bieten sie eher Anlaß zur Übelkeit. Großflächige Blutspritzer berauben auch die edlen Waggons eines Modells des Orient-Expreß im Maßstab eins zu zweiunddreißig jeder Eleganz. Die dazugehörige Lokomotive war es, die kurz zuvor von dem Mann mit der Kugel im Arm vergeblich als Angriffswaffe mißbraucht worden war. Ich halte die Pistole noch immer in meinen Händen, noch immer auf den schlanken, hochgewachsenen Mann mit dem dünnen schulterlangen Haar gerichtet, den ich vor weniger als einer halben Minute erschossen habe. Bleibe noch immer geduckt und bemerke erst jetzt, daß leise Musik in den Raum tröpfelt, wie ein dünner Blutfaden aus einer Wunde. Stille Nacht, heilige Nacht. "Frohe Weihnachten", höre ich mich flüstern und verspüre dabei eine unerwartete und vollkommen absurde Genugtuung darüber, daß ein Neurologe bei mir in der letzten Woche einen Gehirntumor diagnostiziert hat. * Es fing bei Regen an. Es fängt immer bei Regen an, ist es nicht so? Weihnachten, das ist für mich die Zeit des grauen Himmels, die Zeit matschiger Kälte und Feuchtigkeit. So als würde sich die Stadt wie ein graues Schiff den Weg durch einen nebelverhangenen Ozean bahnen, dessen Feuchtigkeit durch Fenster und Türen dringt. Und wie Geisterstimmen längst ertrunkener Seeleute und Passagiere dieses rostigen Dampfers hallen aus dem Nebel Weihnachtslieder durch die Straßen. Ja, ich stehe dazu: Ich , Michael Wolters, hasse Weihnachten. Sie riefen mich spät abends an. Als im Fernsehen, in der Werbung Schnee aus Zuckerwatte gegen eine romantische Almhütte wehte. In der Wirklichkeit drückte der Sturm draußen eisig kalten Regen gegen meine Fensterscheibe. Bonhoff sagte, ich müsse nicht kommen, nur wenn ich wollte. Fünf Minuten später fand ich mich in meinem Wagen wieder. Nein, ich wollte nicht kommen, aber ich wollte auch nicht im Bett liegen bleiben. Ich würde sowieso nicht schlafen können. Damit hatte es vor sieben Monaten angefangen. Mit gelegentlichen "Einschlafstörungen", wie mein Arzt es genannt hatte. Aber in weniger als einem Monat war aus gelegentlichen Störungen eine fast konstante Schlaflosigkeit geworden. Ich schlief fast nie viel länger als zwei Stunden. Letzte Woche, während der Tests, als ich in der Röhre lag, da hatte ich schlafen können - aber nur weil mir die Ärzte etwas gegeben hatten. Ein starkes Schlafmittel. Und als ich aufwachte, noch benebelt vom künstlichen Schlaf, der mir erspart hatte, eine Stunde lang die Enge der Röhre bei vollem Bewußtsein zu ertragen, da hatten sie mir offenbart, was mir da in den letzten Monaten den Schlaf geraubt hatte. Es wuchs irgendwo da drin. Ein Ding so groß wie eine Erbse hatte sich als Untermieter in meinen Hirnwindungen niedergelassen und versuchte nun mich wach zu halten. " Ein sehr seltenes Phänomen", hatten sie gesagt und ich bliebe wach, "weil es auf eine Region ihres Gehirns drückt, die...bla,bla,bla." Aber für mich tat es das nicht, weil es dafür einen medizinischen Grund gab, sondern aus purer Boshaftigkeit. Eile war geboten, eine Operation unaufschiebbar und erst recht unabwendbar. In Wahrheit stieß ich nur deswegen zu Bonnhoff, weil es mir ersparte, darüber nachzudenken, was ich tun sollte. Warten bis das Ding in meinem Kopf mich umbrachte, entweder weil es eine Arterie zum Platzen brachte, oder mich der Schlafentzug in den Irrsinn trieb. Oder das Risiko einer Operation einzugehen und mich danach im günstigsten Fall einer Chemotherapie zu stellen oder die letzten Tage meines Lebens als künstlich beatmeter bewußtloser Fleischhaufen auf der Intensivstation zu verbringen. Gute Alternativen, nicht wahr? * Ursprünglich hatte niemand nach den Bullen verlangt. Die Leute im Haus waren durch Rauchgeruch aufgewacht und hatten die Feuerwehr gerufen. Die konnten keinen Brandherd entdecken, bemerkten jedoch schnell, daß der Rauch nicht abziehen konnte. Etwas hatte den Kamin verstopft. Also hatten sie einen von ihren Jungs rauf geschickt und der war aus dem Staunen nicht mehr raus gekommen, als er von oben mit einer Lampe hinein leuchtete. Erst dann hatten sie uns gerufen. Als ich eintraf, hing das, was den Schornstein verstopft hatte, der Länge nach von der fast eingezogenen Leiter des Feuerwehrwagens herunter. Eine Rotte von Kollegen, einige von der Kriminalpolizei, einige von der Bereitschaft hatten einen Ring darum gebildet wie Sensationsgaffer um eine Unfallstelle auf der Autobahn. Ich sah Zigarettenglut und hörte sie lachen. Lachen, das erst recht lauter wurde, als sie mich kommen sahen. An die Wand des sechsstöckigen Hauses drängten sich kleine Gruppen von Männern und Frauen in Morgenmänteln, mit schlaftrunkenen Gesichtern und zerzausten Haaren. Sie beobachteten ihrerseits die Polizisten, von denen sich einige hervorragend zu amüsieren schienen. Was da vollkommen verrußt kopfüber baumelte, war nicht unbedingt, was Feuerwehrleute in einem Kamin vorzufinden erwarteten. Allerdings verstand ich jetzt, warum Bonnhoff mich hergerufen hatte. Es war wieder soweit. Ein schmächtiger, mittelgroßer Mann mit fast kahl geschorenem Kopf löste sich aus der Gruppe gaffender Bullen und kam mir auf halbem Weg entgegen. Bonnhoff hatte die Hände tief in den Taschen einer Lederjacke mit Pelzkragen vergraben. "Hätte ich dich nicht hergerufen...", setzte er an. "...hätte ich dir morgen die Hölle heiß gemacht, ganz genau", ich zwinkerte ihm zu und ließ ihn stehen, bahnte mir einen Weg durch die Gruppe an die Leiche. Alles an ihr war schwarz. Das Haar, der Bart, die dicke Kleidung. Nur wenige Stellen waren vom Ruß verschont worden und offenbarten die tatsächlichen Farben darunter. Weißes Haar, weißer Bart, eine dicke rote Jacke mit weißem Pelz. "Und die Mütze?" Bonnhoff hob die Schultern. "Liegt vermutlich unten im Kamin. Wir suchen gerade." Ich drehte mich um, schwieg jedoch provozierend."Der Mann ist schlicht und ergreifend mit dem Kopf nach unten im Kamin erstickt. Hatte da nicht mal genug Luft, um lange um Hilfe zu rufen. Die Bewohner haben geschlafen und erst Stunden später den Rauch bemerkt." Er hob die Brauen und die Schultern, als wären sie eine Einheit. "Hör mal, das war ein schiefgelaufener Scherz. Ein Betrunkener, ein besoffener Vater oder Großvater, der..." "Kennt jemand aus dem Haus den Mann? Irgendein Papa oder Opa abgängig?" Er zögerte. "Nein, aber..." Ich wendete mich wieder der Leiche zu. "Dieser Mann hatte also den brillanten Einfall, sich heute Nacht als Weihnachtsmann zu versuchen, oder?" Die Kollegen musterten mich, schwiegen jedoch. "Und?" Ich hatte fast den Eindruck, einige würden vor mir zurückweichen. "Befürchtet einer der Herren, der Wolters könnte seine schräge Theorie ein weiteres Mal laut äußern?" "Michael..." Ich begegnete Bonnhoffs Blick. "Keine Sorge.", lenkte ich ein und sorgte dafür, daß selbst für den dümmsten die Ironie in meinen Worten unüberhörbar war. "Ich halte mich zurück. Untersucht den Mann auf Alkohol oder Drogen, das übliche Programm und auch wenn Ihr feststellt, daß die Resultate negativ sind und auch wenn ihr eine winzige Einstichstelle in seinem Arm findet, heftet ihn einfach in der Rubrik "Opfer eines idiotischen Einfalls" ab." Ich hob die Schultern. Bonnhoff wischte sich die Nase mit der bloßen Hand. "Es ist Weihnachten. Die Leute sind wie irre." Ich hob den Blick. "Ja, das sehe ich genauso." Ich blickte zu dem Toten, der immer noch an der Seilwinde baumelte. "Irre, total irre." * Die Lichter des kleinen Weihnachtsbaums wechselten im Sekundentakt von blau, nach rot, zu grün und wieder zu blau. Von dem kleinen häßlichen Ding an einem der hohen Fenster wanderte mein Blick desinteressiert zu dem Metalltisch unter kaltem, weißen Licht einige Meter zu meiner rechten. Lenglich, der untersetzte, glatzköpfige Gerichtsmediziner setzte gerade eine kleine Motorsäge auf die Brust des Toten, um jenen Schnitt durchzuführen, mit dem er täglich mit erschreckender Leichtigkeit bis zu zehn Brustkörbe öffnete. Er grinste mich schief an. "Ich glaube, ich bin Pathologe geworden, weil mein Vater jedes Jahr darauf bestand, die Gans selbst zu zerlegen. " Er zwinkerte. "Das hier würde ihn fertig machen." Ich ersparte mir den Anblick, in dem ich mich den Gegenständen auf dem Autopsietisch direkt vor mir widmete. Vor dem aufbrechenden Geräusch bewahrte mich das jedoch nicht. Das Kleidungsbündel auf dem Tisch roch nach Rauch, Feuchtigkeit und Schweiß. Die Hände in Plastikhandschuhen hatte ich eine Brieftasche, ein Handy und eine Armbanduhr mit einem Tauchring herausgezogen. Dem Personalausweis in der Brieftasche nach war er gerade achtunddreißig Jahre alt gewesen. Gerrit Kolp lautete der Name des Mannes, der sein Leben im oberen Drittel eines Schornsteins beendet hatte. "Klischees", hörte ich Bonnhoff auf einem der Stühle hinter mir murmeln. Ich schwieg. "Schon mal ferngesehen in den letzten Tagen? Dutzende von Filmen, in denen Kinder Weihnachtsmänner anhimmeln, die durchs Fenster in den zwanzigsten Stock schweben oder mitsamt Schlitten durch den Kamin ins Wohnzimmer rodeln. So was setzt manche Väter unter Druck." "Wer das versucht...", ich nickte in Richtung der Leiche. "...muß ziemlich anspruchsvolle Kind haben." "Wer weiß? Unter Alkoholeinfluß? Außerdem sind manche Leute wirklich dümmer als die Polizei erlaubt." "Dieser Kolp hatte keine Kinder. Es war nicht mal sein Haus. Keiner kennt ihn." "Es kann genauso gut eine neue Einbruchsmasche sein." "So dumm kann doch nicht wirklich jemand sein." Ich drehte mich zu ihm um, lehnte mich an den Tisch und betrachtete ihn über verschränkte Arme hinweg. Ich atmete tief durch. "Tut mir leid, das vorhin. Es war spät, außerdem hab ich sie lachen hören, als ich ankam." Bonnhoff schwieg mich an, aber er nickte. "Diese Geschichte regt mich immer wieder auf." "Schon okay", Bonnhoff machte eine müde Geste. "Ganz im Anfang hast Du selbst mal an meine Theorie geglaubt...." Bonnhoff hob die Brauen mit trauriger Skepsis. "Hören wir sie nun wieder?", rief Lenglich von der Seite. "Die berühmte Wolters-Theorie?" Ohne ihn eines Blickes zu würdigen hob ich die rechte Hand und zeigte ihm den erhobenen Mittelfinger. Lenglich kicherte. "Wirklich, Wolters. Mir hat sie schon immer gefallen." Bonnhoff rieb sich müde mit den Händen übers Gesicht, dann lehnte er sich mit geschlossenen Augen zurück. "Ehrlich, Michael, Du verstehst was von deinem Job..." Bonnhoff massierte seine Nasenwurzel und schüttelte dabei den Kopf, "... aber eine Weihnachtsserie? Nein." Ich hatte nicht erwartet, daß er seine Meinung geändert hatte. Wider besseres Wissen versuchte ich es noch einmal. "Wir haben seit sieben Jahren jeden Dezember um Weihnachten oder direkt am heiligen Abend eine Leiche. Immer im Kostüm. Immer bei einer fast selbstmörderischen Aktion zu Tode gekommen. Dreimal Stürze vom Dach. Zweimal selbst erdrosselt an einem Seil, weil sie sich unsachgemäß an einer Hauswand runter gelassen haben, einmal verblutet, als jemand durch eine Fensterscheibe geknallt ist, auch bei dem Versuch, in ein höheres Stockwerk einzusteigen. Einmal auf einem Schlitten voller Geschenke. Ertrunken im Fluß." Bonnhoff erhob sich vom Stuhl, warf den Kopf in den Nacken, verdrehte die Augen. "Erspar mir die Diskussion. Was für eine Art von Serientäter soll denn das sein? Männer als Opfer, alle gestorben wie in einem Slapstick-Film...." Ich legte den Kopf schief. "Auch Männer können Opfer eines Serientäters werden. Und es muß nicht immer eine sexuelle Motivation dahinter stecken. Es könnte was anderes sein. Eine Art Rache..." "Ein trauriger, zur Bestie mutierter kleiner Junge, weil Papa ihm jedes Jahr im Weihnachtsmannkostüm den Hintern versohlt, oder das falsche Videospiel geschenkt hat?" "Nur die Motive, die DIR einfallen sind komisch, aber es könnte was ganz anderes sein." "Ich laß mich auf keine Diskussionen mehr ein. Das Spiel ist erledigt." "Aber nur deswegen, weil die oben Angst hatten, das was davon raus kommt und uns die Presse zu Witzfiguren macht. Wir mußten uns von allen Nachforschungen distanzieren, nur damit unsere Bosse jedes Risiko vermeiden, sich lächerlich zu machen. Also ignorieren wir's weiter. Jedes Jahr, solange bis es von alleine aufhört." Ich warf die Hände hoch. "In zwanzig, oder dreissig Jahren? Oder bis einer überlebt und uns die ganze Story erzählt? Dann werden die nicht viel besser aussehen." "Es gibt keine Hinweise." "Weil wir die Einstiche ignorieren!" Bonnhoff hielt den Mund. Er erwiderte meinen Blick entgeistert. Ich war plötzlich laut geworden, wie mir erst jetzt klar wurde. Bonnhoff äußerte seine Entgegnung betont langsam und leise. "In ihren Körpern war nichts, das deine Drogentheorie untermauern würde." "Weil es eine Substanz ist, die vom Körper schnell abgebaut wird, irgendwas in der Art, oder..." "Es wird dich enttäuschen, Wolters." Plötzlich hatte sich Lenglich zu Wort gemeldet. "Was?" "Nun, seine Arme und Beine sind sauber. Da ist nichts. Kein Einstich. Gar nichts." Ich sah Lenglich die Schultern heben, dann zwinkern. "Sieh noch mal nach." Lenglich schüttelte den Kopf. "Hab ich schon. Sauber. Keine Besonderheiten." "Und seine Hände? Die Füße?" Lenglich schüttelte noch immer den Kopf. Bonnhoff sah zu Boden. "Ich fahr jetzt nach hause. Und du solltest dasselbe tun." Ich besann mich, daß ich ihn anglotzte. Schluckte, räusperte mich. "Ich...hm, ja." Bonnhoff nickte. "Es ist spät". "Ja." "Wirst du Weihnachten zu uns kommen?" "Ich weiß noch nicht.", ich versuchte mich an einem Grinsen. "Grüß bitte Martina von mir." Unbeholfen trat ich von einem Fuß auf den andern. "Ich..., tut mir leid, ich bin müde." "Ist okay." Dann verschwand er durch die Tür. Etwas geduckt, so rasch, als fürchtete er, jemand könnte draußen auf dem Gang Zeuge unserer Diskussion geworden sein. Spätestens Lenglich würde dafür sorgen, daß das Präsidium in einigen Stunden den genauen Wortlaut dieses Gespräches kennen würden. Wie ein guter Witz würde es sich über die Korridore verbreiten. Und eigentlich war es das wirklich. Ein Witz. Wenn sie von der Erbse in meinem Hirn erfuhren, würden sie endlich die wahre Ursache für Wolters seltsame Theorien kennen. Jedenfalls würden sie das glauben. Auf der mechanischen Kalenderanzeige über der Tür sprang das Datum mit einem schnappenden Geräusch vom dreiundzwanzigsten auf den vierundzwanzigsten Dezember um. Frohe Weihnachten. * Um drei Uhr morgens zu arbeiten hatte Vorteile. Die völlige Abwesenheit von Kollegen, die daraus resultierende Stille. Zu hause auf meinem Bett zu liegen und auf den Schlaf zu warten, der sich mit viel Glück um fünf Uhr morgens einstellen würde, wäre sinnlos gewesen. Statt dessen gab ich die Daten des Falls in das Computersystem ein. Angefangen bei der Identität des Opfers, über die Umstände des Todes, bis zu den Gegenständen, die wir bei ihm gefunden hatten. Darunter auf den ersten Blick nichts besonderes. Eine mühselige Kleinarbeit, selbst Namen auf Notizzetteln wurden eingegeben. Das Programm würde im Netzwerk der Computer der Polizeibehörden nach Querverbindungen suchen. Übereinstimmungen zwischen Tatorten, Todesumständen, oder Gegenständen bei der Leiche, Verbindungen oder Ähnlichkeiten zwischen den Opfern. Die Maschine stieß innerhalb von Sekunden auf sieben vergleichbare Fälle. Alle Toten waren Männer, alle waren in einem Weihnachtsmannkostüm ums Leben gekommen und alle in "meiner Stadt". Das Programm selbst bezeichnete die Wahrscheinlichkeit als außerhalb der statistischen Norm, was soviel besagte wie: "Schau mal genauer hin, da geht etwas vor sich!" Aber Vorgesetzte und Kollegen wollten auch der Meinung der Software keine Bedeutung mehr beimessen. Die Stimme aus der oberen Etage hatte gesprochen und Augen, Ohren und Münder waren geschlossen worden, wenn es um tote Weihnachtsmänner zerschmettert auf Hinterhöfen, ertrunken in Flüssen und erstickt im Kaminen ging. Nur die Tatsache, daß ich eine Aufklärungsquote von über siebzig Prozent hatte, bewahrte mich davor, zu einer Persona non grata zu werden. Natürlich rechnete ich nicht wirklich damit, daß dieser Fall eine Wendung bringen würde und tatsächlich waren die Übereinstimmungen ,auf die ich stieß, mehr als fraglich. Auf Stufe 1 lieferte das Programm die deutlichsten und vermutlich wesentlichsten Ähnlichkeiten zwischen Opfern und Tatorten. Dazu zählten natürlich das Weihnachtsmannkostüm und die Todesursache, die auch in diesem Fall mit dem Auftreten des Opfers als Weihnachtsmann in Verbindung stand, sowie die Tatsache, daß alle Todesfälle in einem Zeitraum von plus minus zwei Tagen um den vierundzwanzigsten Dezember herum geschehen waren. Wenn ich die Stufe variierte, würde das Programm erfahrungsgemäß weniger bedeutsame Verbindungen suchen, solange bis es mich auf Stufe 4 darauf hinweisen würde, daß alle Opfer Unterwäsche getragen hatten - ein Umstand, der nun wirklich nicht mehr erwähnenswert war. Als ich das Programm auf Stufe 2 startete, führte das natürlich wieder zur Auflistung der bekannten sechs Fälle. Hinzu kam die Tatsache, daß die Opfer in vier von acht Fällen ein Erkältungsmedikament und in drei von acht Fällen zusätzlich Aspirin bei sich getragen hatten. Weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick würde sich diese Details als besonders bedeutsam erweisen, waren doch alle Todesfälle um Weihnachten herum geschehen und damit mitten in der Hochsaison von Schnupfen und Grippe. Allen Opfern waren auch Kreditkarten gemeinsam, vier davon jeweils aus dem selben Kreditinstitut. Auch das lag im Rahmen der statistischen Verteilung männlicher Kunden auf die ansässigen Banken. Auf Stufe 3 erwarteten mich so nichtige Übereinstimmungen wie derselbe Hersteller von Weihnachtskostümen in fünf von acht Fällen. Auch das nicht weiter verwunderlich, gab es doch insgesamt nur vier Firmen, die Kleidung dieser Art produzierten und bei besagtem Hersteller handelte es sich um den mit dem größten Marktanteil in diesem Bundesland. Auch uninteressant schien mir die Tatsache, daß vier der acht Opfer, unter ihnen auch Kolp, Karten ihrer Ärzte bei sich getragen hatten. Es handelte sich um vier unterschiedliche Mediziner, in drei Fällen ansässig in der Stadt. Außerdem waren die Männer in sieben von acht Fällen auf Gebäuden ums Leben gekommen, die mindestens sechs Stockwerke hatten. Ich goß mir einen Kaffee nach und sah hinaus über die immer noch im Dunkeln liegende, aber langsam erwachende Stadt. Für mich nicht mehr als irgendein beliebiger anderer Tag. Abgesehen davon natürlich, daß es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der letzte Heiligabend meines Lebens werden würde. Als ich mich einer kurzen Recherche über die Ärzte der Männer widmete, tat ich das wie alles an diesem frühen Morgen in Ermangelung einer Chance auf gesunden Schlaf. Es war nichts weiter als ein Zufall, als mich bei dem vierten Namen, Dr. Klaus Wiemers, dem Zahnarzt unseres aktuellen Opfers, etwas stutzig machte. Ich ging noch einmal die Namen der Ärzte davor durch und stieß endlich auf eine Übereinstimmung. Der zweite Arzt, Dr. Dietrich Brügge ein Allgemeinmediziner, arbeitete in einem Ärztehaus. Demselben in dem auch Wiemers und ein dritter Arzt ihre Praxen hatten. Der Name dieses dritten Mediziners war allerdings nicht in der Liste. Stefan Bremhold, Psychotherapeut und Psychologe. Nein. Ich schüttelte den Kopf. Die Stadt war groß, aber auch nicht so groß, das Männer nicht zufällig Ärzte im selben Haus aufsuchen würden. Auch das würde kein Zusammenhang sein, der mich weiterführte. Trotzdem gab ich die Namen Wiemers und Brügge ein und ließ die Software nach Querverbindungen zu den acht Fällen suchen. Es gab keine, abgesehen natürlich von den Karten. Nachdem ich auch noch Bremholds Namen eingegeben hatte, nahm ich einen Schluck von meinen Kaffee. Draußen bildete sich gerade ein schmaler rötlicher Lichtspalt als Kluft zwischen Horizont und Wolkendecke. Über den Rand der Tasse hinweg betrachtete ich ihn, als Bewegung auf den Monitor kam. Drei Resultate schoben sich von unten in die Mitte des Bildschirms. Ich ließ die Tasse sinken und starrte sie an. Bei drei der Opfer, dem ersten vor sieben Jahren, dem vor vier Jahren und dem vor zwei Jahren lagen psychiatrische Gutachten vor. Alle drei Männer, Familienväter, waren auffällig geworden, einer im Zusammenhang mit vermuteten Mißhandlungen seiner Ehefrau, der nächste durch Alkoholprobleme in seinem Job als Lehrer, der dritte durch mehrere schwere Straßenverkehrsdelikte. Das allein war für mich nicht neu. Allerdings hatte wohl niemand von uns je darauf geachtet, vom wem die Gutachten erstellt worden waren. Sie stammten von Bremhold. Dem Psychologen aus der Gemeinschaftspraxis. Damit hatten jetzt insgesamt mindestens fünf der Opfer mit Ärzten aus dem selben Ärztehaus zu tun gehabt. "Und was soll das nun bedeuten?", fragte ich in die Stille meines Büros hinein. Vielleicht war es mein Instinkt und meine Erfahrung, die mir zuflüsterten, oder auch nur die Erbse in meinem Gehirn, die langsam aber sicher durch Schlafentzug meinen Verstand vernebelte. Aber ich war mir sicher, daß ich etwas wichtiges herausgefunden hatte. * Gegen acht Uhr morgens fuhr ich zurück in meine Wohnung, und ließ mich dort aufs Bett fallen. Nicht einschlafen zu können, bedeutet nicht, nicht müde zu sein. Ich sehnte mich nach einer wohligen schwarzen Decke aus Bewußtlosigkeit, als ich die Augen schloß und tatsächlich schlief ich. Für wenig mehr als eine Stunde. Immerhin fühlte ich mich etwas besser, als ich um halb elf ins Präsidium zurückkehrte, wo ich Lenglich aufsuchte. Der schien seinerseits einen großen Teil der Nacht arbeitend verbracht zu haben und das an einem Tag, an dem die meisten Polizisten soviel Distanz wie irgend möglich zwischen sich und ihre Dienstelle bringen wollten. Jedenfalls die mit Familie. Soviel ich aber wußte, lebte der Pathologe allein. Außerdem gingen Gerüchte, der kleine Mann hätte eine seltsame Vorliebe für Fesselspiele, die in irgendeinem Zusammenhang mit medizinischen Instrumenten standen. Ich hatte eine Erbse im Kopf und er liebte es irgendwas in seinem Hintern zu spüren. Ich schätze, unser Ansehen im Präsidium war irgendwie dasselbe. Er präsentierte mir eine Liste mit Ergebnissen, die er für mich zusammen faßte. Kurz gesagt gab es keine Hinweise auf eine Gewalteinwirkung von außen, auch nicht die geringsten Spuren von Alkohol und Drogen in seinem Körper. Der Mageninhalt des Mannes reduzierte sich auf eine Tiefkühlpizza, Gummibärchen und einen Hot Dog - die typische Versorgung eines versingelten Mannes. Die Todesursache war Ersticken, so wie es der Notarzt im ersten Augenblick vermutet hatte. "Tut mir leid, Wolters. Auch dieses Jahr nichts, was deine Theorie bestätigen würde. Ach ja, er hat noch einen Schnupfen zwischen den Beinen." "Tripper?" Auch das änderte nicht viel. Den konnte man sich immer mal wieder einfangen. Er nickte faltete den Bericht und reichte ihn mir. "Frohe Weihnachten. Ich fahr jetzt nach hause." "Und was wirst du tun?" Er schmunzelte. "Du weißt doch, was sie über mich reden, oder? Es ist Weihnachten, ich hab mir was besonderes verdient, finde ich." Auf dem PC in meinem Büro fand ich eine kurze Email von Bonnhoff vor. Er wiederholte seine Einladung für den Abend, die ich zunächst absagen wollte. Doch dann zögerte ich. Es würde besser sein, als allein zu grübeln. Kurz bevor ich am morgen nach hause gefahren war, hatte ich dem Computer drei Namen zur Recherche gegeben. Die Resultate lagen jetzt vor und ich begann mich ihnen zu widmen, während die Kaffeemaschine im Hintergrund gurgelte und Türen auf den Korridoren abgeschlossen wurden, als sich die meisten Kollegen um die Mittagszeit auf den Weg nach hause machten. Das Recherche-System hatte Zugriff auf Dateien des Einwohnermeldeamtes, sowie auf die des Bundeskriminalamtes. Es trug alle Daten, angefangen vom Geburtsdatum bis hin zur Ausbildung und eventuellen Vorstrafen zusammen. Alle drei Männer waren völlig sauber und es hatte zu keiner Zeit auch nur irgendeinen Verdacht gegen einen von ihnen gegeben. Auch nicht, wenn es um Steuerdelikte ging, wie sie bei Medizinern sehr beliebt waren. Bremhold arbeitete häufig als psychiatrischer Gutachter im Rahmen von Gerichtsverfahren. Um diese Arbeit ausüben zu können, war eine einwandfreie Reputation zwingend notwendig. Brügge hatte allerdings einige Punkt in Flensburg gesammelt und das ausschließlich wegen Geschwindigkeitsübertretungen auf Autobahnen. Bremhold und Wieners lebten seit 1991 in der Stadt. Brügge war 1993 hierher gezogen. Das lag vermutlich daran, daß er vier Semester länger studiert hatte als seine Kollegen. Alle drei waren in derselben Stadt geboren, hatten an derselben Uni studiert, dann aber in verschiedenen Krankenhäusern verteilt über das ganze Bundesgebiet gearbeitet. Erst 1994 hatten sie sich gemeinsam in dem Neubau niedergelassen. Ein Jahr später hatte es den ersten toten Weihnachtsmann gegeben. Ich schüttelte den Kopf. Welcher Zusammenhang sollte da schon bestehen? Auf welche abstruse Weise sollten diese drei Männer etwas mit den Toten der letzten Jahre zu tun haben? Viele Möglichkeiten gab es jetzt nicht mehr. Akten ihrer Arbeitgeber oder der Universitäten anzufordern würde dauern, ganz davon abgesehen, daß es keinen besondere Veranlassung dazu gab. Vor mir auf dem Monitor lag der komplette Datensatz von Wiemers, den ich mittlerweile mehr oder minder desinteressiert noch einmal von unten nach oben scrollte. Bis hinauf zu den Eltern. Mutter Anna Wiemers, geboren 1952, Vater Peter Wiemers geboren 1950, verstorben 1976. Auch das war nicht mal ansatzweise ungewöhnlich. Ich wechselte zu Brügge, betrachtete auch sein Datei noch einmal von unten nach oben, wieder hinauf bis zu den Namen der Eltern. Mutter Nicole Brügge, geboren 1956, Vater Bernd Brügge, geboren 1957, verstorben 1978. Die Väter der beiden Männer waren früh gestorben, beide noch bevor die Jungen das achtzehnte Lebensjahr erreicht hatten. Solche Gemeinsamkeiten konnten durchaus Anlaß für eine Freundschaft unter Jungen sein. Immerhin machte mich das neugierig genug, um jetzt direkt oben im Kopf von Bremholds Datensatz nachzusehen, ohne wirklich damit zu rechnen, daß auch seinen Vater ein ähnliches Schicksal ereilt hatte. Das war allerdings der Fall. Bremholds Vater war der erste gewesen. Verstorben 1975. Für eine ganze Zeit, saß ich da, sprang wieder und wieder durch die einzelnen Datensätze, bevor ich begriff, daß diese Verbindung zwischen den drei Männern sie plötzlich wieder sehr, sehr interessant für mich machten. Noch bevor ich die neuen Datensätze anforderte, ahnte ich, daß der Fall eine Wendung genommen hatte. * Es lag abseits, verborgen in einem Waldgebiet, das südlich an die Stadt grenzte. Die Wohnlage war exklusiv, das Haus selbst machte allerdings einen leicht baufälligen Eindruck, wie es schien das Wohngebäude eines ehemaligen Bauernhofes. Bremhold hatte es, soweit ich erfahren hatte, vor vier Jahren gekauft. Es war kurz nach fünfzehn Uhr, als ich über einen schmalen Weg auf den Vorplatz des Hauses fuhr. Seitlich des Haupthauses lag ein kleineres flaches Gebäude, das ich für eine Garage hielt. Davor parkte ein Porsche, dessen Kennzeichen ich bereits aus Bremholds Datei kannte. Es überraschte mich auch nicht, die Kennzeichen der beiden anderen Fahrzeuge, ebenfalls sehr teure Wagen, zu erkennen. Sie gehörten Wiemers und Brügge. Offenbar beabsichtigten die drei Männer den Abend gemeinsam zu verbringen. Alle drei waren unverheiratet und hatten anscheinend nichts besseres vor. Das allein war nicht zwar nicht besonders ungewöhnlich, fügte sich aber irgendwie in das Mosaik, das langsam entstand. Eine kurze Treppe führte hinauf zur Eingangstür des Hauses, die einen seltsam modernen Kontrast zur Fachwerk-Architektur des Gebäudes bildete, genauso wie die Sprechanlage aus deren Verkleidung mich ein kleines Kameraauge fixierte. Noch bevor ich den Knopf betätigen konnte, meldete sich ein jugendliche, nicht allzu tiefe Stimme zu Wort. "Sie wünschen?" "Wolters, Kripo. Ich hätte einige Fragen an sie." Ich wollte meine Dienstmarke vor die Kamera halten, aber die Tür öffnete sich mit einem Summen ganz von allein und gewährte mit Zutritt in einen großen Raum. Eine Treppe direkt neben mir führte in den zweiten Stock des Gebäudes. Bremhold stand mit einer Zigarette im Mundwinkel in Jeans oben am Treppenabsatz. Er war noch schlanker, als ich es nach Betrachten seines Paßbildes erwartet hatte. "Heute?", fragte er nur mit einem schiefen Lächeln und gerunzelter Stirn. "Tut mir leid, es wird nicht lange dauern." Er nahm einen tiefen Zug und winkte mir dann mit der Zigarette in der Hand herauf zu kommen. "Kommen sie ruhig", sagte er und schüttelte mir die Hand, als ich oben ankam. "Geht es um einen meiner Schützlinge?" Ich hob die Brauen. "Eines meiner Gutachten?" "Unter Umständen." Ich folgte ihm durch den Korridor in einen Raum, der mich im ersten Moment ans Arbeitszimmer eines englischen Kriminalschriftstellers erinnerte. Vor allem lag das wohl am Feuer im offenen Kamin und an den wuchtigen Ohrensesseln, in die man sich bequem zur Lektüre zurück ziehen konnte. Sie gruppierten sich um einen niedrigen Tisch nahe dem Kamin, auf dem halb gefüllte Cognac-Schwenker standen. Auf dem Kamin stand ein kleines Modell das ich erkannte. Der Orient-Express im Maßstab 1:32 wie ein kleines Messingschild verriet. Die Wand darüber präsentierte eine ganze Galerie von Urkunden und Diplomen, ganz so, als wollte ihr Besitzer dafür sorgen, daß sie beim Betreten des Zimmers unmöglich übersehen werden konnten. An einem sechsarmigen Leuchter neben dem Kamin waren außerdem Kerzen entzündet worden, was dem Raum zusätzlich einen gewissen antiquarischen Charme verlieh. Die linke Hälfte des Raumes wurde beherrscht von einem ausladenden, fast altertümlichen Schreibtisch, auf dem ein Laptop wie ein Fremdkörper aus einer fernen Zukunft wirkte. Die rechte Wand gehörte einigen Bildern unter denen ich einen Casper David Friedrich zu erkennen glaubte. Vermutlich eine Kopie. Brügge und Wiemers saßen zu beiden Seiten des niedrigen Tisches, von wo sie mich auf ganz unterschiedliche Weise begutachteten. Brügge, ein anscheinend sehr großer Mann mit einer gewissen Amüsiertheit, Wiemers, ein kleiner untersetzter Kerl eher mit einem Ausdruck der Irritation, sehr bemüht darum, mir keine allzu offensichtliche Aufmerksamkeit zu schenken. Beide begrüßten mich wortlos und lediglich mit einem schwachen Nicken. Bremhold gesellte sich wieder zu den beiden, nahm seinerseits Platz und deutete auf die einzige noch verbleibende Sitzmöglichkeit. Einen einfachen Holzstuhl auf der ihnen zugewandten Seite des Schreibtisches. Ich nahm darauf Platz. "Tut mir leid, sie gerade heute zu stören. Aber ich habe da einige wenige Fragen, die sie mir vielleicht beantworten könnten." Brügge stieß Bremhold an. "Vielleicht solltest Du dem Herrn etwas anbieten? Einen Cognac vielleicht?" Bremhold drückte die Zigarette in seinem Aschenbecher aus, hob dabei fragend die Brauen. Ich lehnte jedoch ab. "Sehen sie, es gab gestern einen Todesfall in der Innenstadt. Sehr ungewöhnliche Umstände." Brügge nahm einen Schluck von seinem Cognac, Bremhold nickte, als würde ich auf einer Couch liegen und darüber plaudern, daß ich mich mit einer Peitsche selber züchtigte, oder in Kaufhäusern jungen Mädchen nachstellte. Wiemers war der einzige, der mich nicht ansah. Er sah ins Feuer. "War es jemand, über den ich ein Gutachten erstellt habe?" "Nein, um genau zu sein, war es ein Patient von Dr. Wiemers. Das brachte mich jetzt jedoch auf die Idee, er könnte auch Dr. Brügge oder sie konsultiert haben. Immerhin haben sie ihre Praxen im selben Haus. Mein Problem ist, daß der Mann keine Angehörigen hat, aber es mag sein, daß trotzdem irgend jemand ihn vermißt. Ich möchte dieser Person wenigstens mitteilen, was ihm zugestoßen ist. Dr. Wiemers?" Der kleine Mann sah zu mir auf, die Augen geweitet. Fast erschreckt. "Ja?" "Wissen sie ob es da jemanden gab? Man plaudert doch gelegentlich mit seinem Patienten." Eine Sekunde sagte er gar nichts, glotzte mich an. Dann runzelte er die Stirn - das heißt, er spielte es, die Stirn zu runzeln. Sein Versuch sich zu erinnern, war gleichzeitig der schlechte Versuch einer schauspielerischen Darbietung. "Sie haben mir aber gar nicht gesagt, um wen es geht." "Oh..", ich schüttelte den Kopf und winkte ab. "..der Name ist Kolp. Gerrit Kolp" Wiemers nickte. Etwas zu lange, so als dachte er darüber nach, was er antworten sollte. "Herr Kolp. Ein tragischer Fall." Er lächelte schwach. "Auch im zahnmedizinischen Sinne. In seiner Jugend verabreichte man ihm starke Medikamente. Das hat seine Zähne sehr angegriffen. In nächster Zeit stand eine Prothetik an." Ich nickte. "Nun, ich kann mir nicht vorstellen, daß das ein Grund für ihn war, das tu tun." "Was genau hat er denn getan?", erkundigte sich Bremhold. "Er ist erstickt. Vermutlich ein Unfall, möglicherweise auch Selbstmord." Brügge musterte mich spöttisch über den Cognacschwenker hinweg. "Es ist Weihnachten. Harte Zeiten für Singles." Er lachte und Bremhold schloß sich an. Wiemers Versuch, es den beiden gleichzutun, war mehr als kläglich. Trotzdem stimmte auch ich mit ein und nickte schmunzelnd. "Ja, wir sehen so was eigentlich jedes Jahr. Aber sich kopfüber selbst zu ersticken, war schon eine neue Masche. Tut mir leid, ich sollte nicht darüber lachen. Schutzmechanismus." Bremhold lächelte. "Es ist menschlich." Dabei entblößte er zwei Reihen perfekter Zähne. Wir schmunzelten. Wir lachten lauter. Brügge hob sein Cognac-Glas und erklärte: "Oh du einsame Weihnachtszeit." Er nahm einen etwas zu langen Schluck, eher so, als wäre es Mineralwasser. "Selbst der Weihnachtsmann bleibt allein, darauf trinke......." Alle drei Männer waren verstummt. Brügge sah seine beiden Freunde erst irritiert, dann konsterniert an. Das Lächeln rutschte aus ihren Gesichtern. Nur nicht aus meinem. Sie starrten mich an. Verschreckt. Alle bis auf Bremhold. Der schien immer noch einen Patienten auf seiner Couch zu begutachten. "Woher wissen Sie, daß er das Kostüm eines Weihnachtsmannes trug?", erkundigte ich mich fröhlich. Wiemers und Brügge, der sich soeben verplappert hatte, gafften mich bestürzt an. Im Gegensatz dazu bildeten Bremholds Lippen eine schmale Linie in seinem blassen Gesicht. "Sie sagten..", setzte Brügge an. "..er sei kopfüber erstickt. Das hat so eine Assoziation in mir geweckt." "Natürlich, ja. Das ist naheliegend." Wir alle wußten, daß es nicht so war. "Ist es denn tatsächlich so passiert?" Wieder versuchte sich Wiemers vergeblich an einer schaupielerischen Glanzleistung. Diesmal stand "Verblüffung mit offenem Munde" auf dem Programm. Bremhold schwieg. "Meine Güte, ich wollte eigentlich nur einen Scherz machen", setzte Brügge nach. Bremhold schwieg immer noch. Aber unsere Blicke hatten sich förmlich aneinander fest gefressen. Endlich sagte auch er etwas: "Meine Herren", er meinte Wiemers und Brügge. "Ich ahnte es schon vorhin, aber jetzt steht fest, daß der Fall eingetreten ist, der wir schon seit Jahren befürchtet haben." Er legte den Kopf auf die Seite, dann erhob er sich, kam die wenigen Schritte auf mich zu, die Hand ausgestreckt und reichte sie mir. "Ich beglückwünsche Sie." Ich griff tatsächlich danach - um in der nächsten Sekunde einen schmerzhaften Stich zu spüren, als er mir die Injektionsnadel in seiner linken Hand bis auf den Knochen in den Oberarm trieb. Noch bevor es mir gelang vom Stuhl aufzuspringen, hatte er die volle Dosis in meinen Arm entleert und eine schwarze Woge rollte über mich hinweg. Genau jene schwarze Decke tiefer Bewußtlosigkeit, nach der ich mich so lange gesehnt hatte, legte sich jetzt über mich. Ausgerechnet in der Sekunde, als ich die Mörder von acht Männern verhaften wollte. * Ich liege sehr bequem. Es gibt Licht hier, weiches Licht, gedämpft und eine pulsierende Wärme erfüllt mich. Vermutlich eine Wirkung der Droge, die ich mit Gleichmut hinnehme, genauso wie mir alle Fragen zum wann und wo, die sonst so bedeutsam sind, vollkommen überflüssig erscheinen. Ich habe etliche Fragen beantwortet, soviel weiß ich. Die Fragen einer jugendlichen, hellen Stimme. Bremhold ist irgendwo hier, aber letztendlich ist auch das bedeutungslos, genauso wie die Anwesenheit seiner Freunde, die gerade darüber diskutieren, wie sie mich töten und sich meines Körpers entledigen werden. Sie sind sich jetzt sicher, daß niemand im Präsidium von meiner Anwesenheit weiß. Ich habe es ihnen erzählt, fand es absolut richtig das zu tun. Zweifel sind mir fremd. Endlich. So ruhig, so entspannt habe ich mich lange nicht gefühlt und bin glücklich darüber, daß dieser Zustand ewig anhalten wird. Jetzt weiß ich alles, alles über das Weihnachtsspiel, das Bremhold, Wiemers und Brügge jetzt jedes Jahr spielen. Und ich weiß auch alles über das Weihnachtsspiel, das ihre Väter damals mit ihnen spielten. Jedes Jahr an Weihnachten. Ich wußte von ihren Vätern, sehr erfolgreichen Männern, einem Anwalt, einem Arzt und einem Architekten und davon, daß sie Vorsitzende des selben Leichtathletikvereines gewesen waren, in dem auch die drei Ärzte in ihrer Jugend trainiert hatten. Die drei kannten sich aus derselben Burschenschaft, waren die Söhne ebenso erfolgreicher Väter. Ich hatte mir diese Information zurechtgelegt, die drei Ärzte damit konfrontieren wollen. Wieso nur hatte ich das eigentlich tun wollen? Ich lächelte, als ich mir die drei Jungen vorstellte. Vor die Schlitten ihrer Väter gespannt, die sie antrieben. Mit Gerten, als wären sie Schlittenhunde, sie selbst dabei in Kostümen von Weihnachtsmännern, wie um ihre Kinder noch zusätzlich zu verhöhnen. In jedem Jahr lieferten sich die drei Männer diesen Wettkampf, feuerten ihre Söhne zu Höchstleistungen bei diesem besonderen Rennen an. Erfolgreiche, außergewöhnliche Männer bei ihrem außergewöhnlichem Sport. Der Weihnachtsabend stellte für die Jungs die endgültige Abrechnung dar. Die Züchtigung für alle Fehler und Schwächen, die sie sich über das Jahr geleistet hatten. Sie hatten es gefilmt und ich hatte es gesehen. Das Video, das Brügges Vater mit einer alten Super 8 gedreht hatte, während er seinen Sohn, auf allen Vieren vor den Schlitten gespannt, durch den nächtlichen Wald trieb. "Lauf meine Junge, lauf. Oder willst du wieder versagen. Wie in der Schule, wie bei den Mädchen. Du mußt schon etwas ertragen, wenn du es soweit bringen willst wie ich." Ich mußte immer noch lächeln, wenn ich an seine Anfeuerungen dachte. Oh ja, diese drei Männer hatten ihre Söhne geliebt und etwas aus ihnen machen wollen. Männer, die es im Leben genauso weit brachten wie sie selbst. Aber natürlich war es nicht nur dieses Rennen. Die traditionelle Demütigung am ersten Feiertag. Natürlich hatten sich die Lektionen über das ganze Jahr erstreckt. Ausgangssperren waren das mindeste gewesen. Wiemers Vater hatte seinen Sohn gezwungen, die Luft anzuhalten, bis er ohnmächtig wurde, falls seine schulischen Leistungen nicht den Erwartungen entsprachen. Brügges Vater hatte seinen Jungen nachts nackt an eine Ampel gefesselt und ihn gezwungen später zu behaupten, er sei überfallen worden. Auch das eine Reaktion auf nachlassende Leistungen in der Schule. Und Bremholds Vater, der Arzt, hatte seinem Sohn im Schlaf ein örtliches Betäubungsmittel in die Hoden gespritzt, sie dann verbunden und ihm zwei blutige Hähnchenmägen als seine Bällchen präsentiert, die der nun niemals wieder würde spüren können. Wieder und wieder hatte er seinem Sohn gedroht, ihn tatsächlich zu kastrieren, "damit dir der Rotz nicht weiter ins Hirn steigt, bevor er deine Karriere versaut." Ich höre die Stimmen der Männer lauter werden. Brügge verlangt, mich verschwinden zu lassen. Was für eine angenehme Vorstellung, denn damit würde alles verschwinden. Auch die Erbse in meinen Hirn. Aber Bremhold lehnt das ab. "Er wird sich nicht erinnern." "Und wenn doch?", zischt der kleine Wiemers. Ich lache und stelle mir den kleinen, dicken Jungen heulend und wimmernd vor dem Schlitten vor. Er ist das langsamste Rentier und natürlich verliert er immer. "Du hast doch zugehört. Er ist ein Außenseiter, niemand bei der Polizei nimmt seine Theorie ernst. Sollte er tatsächlich eine so wirre Geschichte über eine bewußtseinsverändernde Droge und Hypnose erzählen, wird man ihn eher einweisen, als uns auch nur einmal mit diesem Verdacht zu konfrontieren" Bremhold ist der große Planer und der Anführer. Er tötete als erster seinen Vater, ließ es aussehen wie einen Jagdunfall. Gleich im nächsten Jahr wurde Wiemers aus der väterlichen Knechtschaft "befreit". Diesmal durch Einsatz eines Medikamentes das einen Herzanfall herbeiführte, aber schwer nachweisbar war. Schon damals, noch bevor er sein Studium aufnahmen, besaß Bremhold recht gute medizinische Kenntnisse. Als letzter folgte zwei Jahre später Brügge ihrem Beispiel. Sein Vater, ein Liebhaber alter Motorräder, der selbst restaurierte, hatte offenbar vor Beginn der Testfahrt versäumt, das Vorderrad noch einmal zu überprüfen. Die "Götter" wollten es, daß es sich in einer Kurve bei neunzig Stundenkilometern löste. Da von der Bekanntschaft der drei Jungen nur wenige wußten, sie in unterschiedlichen Städten die Schule aufsuchten, fiel wohl niemandem die seltsame Übereinstimmung der Schicksale ihrer Väter auf. "Und einmal im Jahr nehmen wir uns die Freiheit, die Welt von einer Pest zu befreien, wie es unsere Väter waren", hat Bremhold gesagt. "Kolp hat keine Kinder", sage ich laut, als mir das einfällt und lache dabei. Bremholds Gesicht taucht über mir auf. Er nickt, auch er lächelt. "Nein, keine eigenen. Aber er gebrauchte gern welche. Und das hat ihn qualifiziert. Meistens müssen wir nicht mal suchen. Wir werden auf sie aufmerksam, wenn sie unsere Praxis besuchen. Wie Kolp. Hat ihr Pathologe nicht den Tripper bemerkt? Er hat ihn sich auf dem Straßenstrich geholt. Auf der Seite mit den kleinen Jungs." Er reicht mir eine Hand. Ich ergreife sie und er hilft mir auf die Beine. Ich bin noch immer im Kaminzimmer. Noch immer brennt das Feuer im Kamin. Das muß es seit Tagen tun. Bin ich nicht solange schon hier? Er reicht mir etwas. Es ist meine Waffe im Halfter. Ich lege ihn an und er hilft mir, die Jacke überzustreifen. "Ich werde jetzt zählen", sagt Bremhold. "Von Zehn, bis eins. Und wenn ich bei eins bin, dann werde sie sich nicht mehr erinnern, auf dieser Couch gelegen zu haben." Seine Stimme ist ruhig, vertrauenerweckend. Nur keine Eile sagt sie, ohne es auszusprechen. "Sie werden sich erinnern, wie sie den Raum betreten haben, bis hin zu dem Punkt, an dem sie sich setzten, dort drüben auf den Stuhl. Und dann werden sie sich erinnern, wie sie uns Fragen stellten zu Kolp, zu denen wir ihnen aber keine Antworten geben konnten. Nur Wiemers hat ihn gekannt, aber nur als Patient. Sie werden sich erinnern, wie wir uns verabschiedet haben. Und wenn sie gleich bei eins aufwachen, dann werden sie noch immer meine Hand halten, weil sie sie gerade geschüttelt haben." Dann zählt er. Langsam. Bedächtig. Ohne Eile. Bis hinunter zur Eins. Ich bin dort, ich schüttele seine Hand, starre sie an. Lasse sie irritiert los. "Tut mir leid, daß wir ihnen nicht helfen konnten." Ich nicke. "Es ist nicht schlimm", sage ich. "Mir tut es leid, daß ich sie stören mußte." Was werde ich als nächstes tun? Ja, nach hause fahren, dann zu Bonnhoff. Martina, seine Frau ist eine hervorragend Köchin. Ich drehe mich um, gehe auf die Tür zu, Bremhold folgt mir. Dann halte ich inne, wende mich noch einmal um. "Es ist nur..." "Ja?" Bremhold lächelt mich an. "Noch eine Frage?" Ich hebe die Hand zu Stirn, kratze sie. "Es ist nur wegen der Erbse." "Erbse?" Ich nicke. "Ich nehme an, es ist wegen der Erbse." Meine Hand gleitet unter die Jacke. Bremhold hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt. "Aber..." Ich beginne zu lachen. "...ich erinnere mich immer noch." Dann explodiert die Situation. Bremholds Hand ist vor mir, etwas funkelt metallisch, ich fühle etwas über meine Brust streifen, doch ich habe mich zurück gebeugt, trete Bremhold von mir, der rücklings über den Tisch fällt, wieder aufspringt. Ich habe die Waffe in meiner Hand. Ziele auf Bremhold. Doch es ist Brügge, der plötzlich die Lokomotive in Händen hält, er will damit werfen. Sie sieht schwer aus und er sehr kräftig. Ich kann mich nicht an den Schuß erinnern, aber ich sehe ihn gegen die Wand mit den Bildern taumeln. Und dann ist Bremhold schon wieder fast vor mir, die Klinge auf mich gerichtet und ich drücke ab. Und diesmal höre ich den Donner. Und mit ihm kehrt meine Orientierung in Zeit und Raum in vollem Maße zurück und es ist, als wäre ich ein Schlafwandler, der in diesem Raum aus einem tiefen Traum erwacht. Ich stehe da, leicht geduckt, spüre die Hitze der rötlichen Flammen im offenen Kamin, die der kleinen gelben Flämmchen auf den Kerzen, die auf einem sechsarmigen Leuchter entzündet worden sind und das Brennen der Schnittwunde quer über meine Brust. Die drei Männer starren mich an. Ihre Gesichter sind bleich, reflektieren jedoch das Feuer, so daß es scheint, als würde in ihren Köpfen selbst ein Brand wüten. Der kleinste von ihnen, der mit dem breiten, intellektuellen Gesicht und der runden Hornbrille hat nicht gewagt sich aus dem schweren Sessel mit den ausladenden Armlehnen zu rühren. Der größte der drei zu meiner rechten, sehr kräftig, trainiert, aber mit einem Bauchansatz, drückt seinen Körper an die Wand, die linke Wange wie schutzsuchend auf der Kopie eines Casper David Friedrich Gemäldes - es mag auch ein Original sein, wer weiß. Seine linke Hand ist auf die Wunde in seinem rechten Arm gepreßt. Zu seinen Füßen liegt das schwere Modell einer Lokomotive, mit dem er nach mir zu werfen versuchte, als ich den Angriff des dritten Mannes abwehrte. Auch der starrt mich an. Auf dem Boden liegend, die Beine von sich gestreckt, an die Wand gelehnt wie ein Betrunkener, der in irgendeiner Gasse seinen Rausch ausschläft. In seiner Hand liegt noch immer das Skalpell, mit dem er einen Luftröhrenschnitt hatte bei mir durchführen wollen - natürlich nicht aus medizinischen Gründen. Selbst jetzt noch sind seine Augen auf mich gerichtet, über dem unspektakulären Loch in seiner Wange, das aus der Distanz betrachtet ebensogut eine Verletzung sein könnte, die von einer zu eiligen Rasur herrührt. Fragmente seines Hinterkopfes bedecken die Glasrahmen von Urkunden und Zeugnissen an der Wand. Eigentlich sollen sie den Betrachter beeindrucken, doch nun bieten sie eher Anlaß zur Übelkeit. Großflächige Blutspritzer berauben auch die edlen Waggons eines Modells des Orient- Expreß im Maßstab eins zu zweiunddreißig jeder Eleganz. Die dazugehörige Lokomotive war es, die kurz zuvor von dem Mann mit der Kugel im Arm vergeblich als Angriffswaffe mißbraucht worden war. Ich halte die Pistole noch immer in meinen Händen, noch immer auf den schlanken, hochgewachsenen Mann mit dem dünnen schulterlangen Haar gerichtet, den ich vor weniger als einer halben Minute getötet habe. Bleibe noch immer geduckt und bemerke erst jetzt, daß leise Musik in den Raum tröpfelt, wie ein dünner Blutfaden aus einer Wunde. Stille Nacht, heilige Nacht. "Frohe Weihnachten", höre ich mich flüstern und verspüre dabei eine unerwartete und vollkommen absurde Genugtuung darüber, daß ein Neurologe bei mir in der letzten Woche einen Gehirntumor diagnostiziert hat. * Im Krankenhaus wies man sie in winzigen Spuren nach. Die Droge, die Bremhold benutzt hatte, um die Männer zu programmieren. Männer, die die besonderen Kriterien erfüllten, um sich in den Augen der drei Ärzte für das Weihnachtsspiel zu qualifizieren. Außerdem stießen wir in Bremholds Computer auf paßwortgeschützte Dateien, die er über jedes der Opfer angelegt hatte. Jeweils im Laufe eines Jahres als Vorbereitung auf das Weihnachtsspiel. Sie luden sie entweder in eines ihrer Häuser ein, oder überfielen sie zu dritt, betäubten sie, um sie dann der Programmierung zu unterziehen. Dann setzten sie ihr Opfer in der Nähe des Gebäudes ab und filmten wie es sich in weihnachtsmännischer Tradition über das Dach bewegte. Dabei schlossen sie immer noch wetten ab. So wie es früher ihre Väter getan hatten. Aber sie wetteten nicht, wer gewinnen würde, sondern auf welche Weise und wie schnell der diesjährige Weihnachtsmann zu Tode kommen würde. Deswegen sorgten sie dafür, daß die Gebäude immer mindestens sechs Stockwerke hatten. Auf diese Weise stellten sie sicher, daß ein Sturz tödlich sein würde. Die Wirkung der Droge auf den Gleichgewichtssinn sorgte dafür, daß der so gut wie unabwendbar war. Doch dieses Jahr hatte Bremhold etwas neues probiert. Er hatte Kolp, dem Kinderschänder, eingeredet, er sei in der Lage durch Schornsteine in die Wohnungen zu kriechen. Und der hatte genau das getan. Jedenfalls die ersten fünf Meter. Dann war er steckengeblieben und erstickt. Es hatte keinen Einstich gegeben, weil Bremhold dieses Mal die Droge oral eingeflößt hatte. Mit einem Kaffee. Ihre Väter hatten es wirklich geschafft, erfolgreiche Männer aus ihren Söhnen zu machen - das und Killer. Aber wenn ich mich an die lachenden und geifernden Männer hinten auf den Schlitten erinnerte, ahnte ich, daß sie das eher noch stolz gemacht hätte. Es half mir an den Fall zu denken. Sonst hätten meine Überlegungen dem Verband um meinen Kopf gegolten, der Narbe in meinem Schädel, dem Einschnitt und der Sonde, die vor zwei Tagen tief in mein Gehirn eingedrungen war und die Erbse verschmort hatte. Sehr undankbar von mir, denn der kleine Kerl hatte mir anscheinend den Hals gerettet. Die Operation war gut verlaufen und nun erwartete mich die Chemotherapie. Soweit ich wußte, würde ich vielleicht in einem halben Jahr in den Dienst zurückkehren können. Ich hoffte es. Nur wenige hatten sich hier sehen lassen, noch weniger waren auf die Idee gekommen, sich zu entschuldigen. Aber das war mir egal. Ich wollte nur irgend etwas tun. Und Leute verhaften war das einzige, was ich gelernt hatte. Aber wenigstens war Weihnachten vorbei. Das allein kann schon hilfreich sein.
ENDE
|