Warnung: Empfindsame Weihnachtsliebhaber sollten hier nicht weiterlesen. Hartgesottene Weihnachtsfans, die Spaß verstehen, sind willkommen, genau so sehr wie notorische Weihnachtshasser. Übrigens: Ich persönlich mag Weihnachten wirklich.
Ein Weihnachtsgedicht…
Versammelt in langen Schlangen vor prall gefüllten Kassen, Vordermann und
Vordermann des Vordermanns und Vordermann des Vordermanns des Vordermanns hassend,
schlagen Herzen höher.
Kleine Kinder, von hysterischer Vorfreude und materiellen Ängsten den Bestand ihrer Spielzeuge betreffend überwältigt, erbrechen sich dekorativ rosafarben über die Mosaikböden von Einkaufsmeilen.
Männer in karierten Hemden, trunken von Glühwein und Jagertee, schlagen wehrlose Tannen
Dürftiger Neuschnee, gerade wenige Millimeter alt, von Füßen und Pfoten getreten, von Reifen gerädert, verkümmert vom Dasein enttäuscht zu grauem Matschbelag.
Ewald, noch immer verzückt durch vierstündige Selbsterkenntnismeditation an vier Glühweinständen, findet in der wohligen Wärme einer Ausnüchterungszelle zu neuer Spiritualität…
Ein Postbote, Weihnachtspakete voller Kuscheltiere ausliefernd, den Halt auf eisigem Grund verlierend, verfällt in unrühmlicher Haltung dem reißzahnbewehrten Charme eines Mastinos namens Ruprecht.
Ein Gatte, die Augen verzückt auf den Weihnachtsstern gerichtet, erliegt dem plötzlichen Herztod beim Einstielen der prachtvollen Nordmanntanne. Wohl hätte er etwas präziser sein sollen, wann immer er den Wunsch äußerte, beim Einstielen dahinzuscheiden.
Ein minzgrüner Kleinwagen, gerade durch den grimmigen Fahrer vom Eise befreit, gleitet auf eben schutzsuchend und zum Nachteil des dies zu verhindern bemühten Fahrers unter einen vierachsigen Betonmischer.
Else, im letzten Frühjahr achtzig geworden, reißt rotes Geschenkpapier vom Paket, das der Schwiegersohn ihr reicht – dem „Großen Pflegeheimführer 2010“…
Sie dankt ihm, stets um Frieden in der Familie bemüht, wenig später artig mit der Schrotflinte, die ihr Gatte ihr hinterließ und sie zu nutzen lehrte.
Stark angetrunkene Großväter, die rot ummantelte Werbefigur eines Softdrinkherstellers imitierend, versterben kopfüber in Schornsteinen.
Ein Rentier, von den Fesseln des Schlittens befreit und blind vor Euphorie über die gewonnene Freiheit, durchschlägt in 12000 Metern Höhe die Tragfläche von Flug 419…
Achtundzwanzig verbliebene Bewohner eines vergessenen Dörfchens im hohen Norden, verzückt vom überwältigend lodernden Weihnachtsstern über sich, widmen ihre letzten bewussten Sekunden der Frage, was ihnen der Himmel mit den Ziffern 419 nur sagen will.
Kleine Brüder, schon heute ihrem zukünftigen Fahndungsfoto sehr ähnlich, vivisezieren unterm Baum emsig die schwanger-und-magersüchtig-Plastikmodelpuppen ihrer Schwestern.
Gescheiterte Kaufhausweihnachtsmänner, die Taschen voll kritzeligen Wunschzetteln, finden dreißigminütiges Glück bei Damen, die heute zum Weihnachtstarif praktizieren.
Tante Gerlinde, an diesem Morgen etwas unterzuckert, entschläft den Kopf neben die noch zuzubereitende Gans im Ofenrohr gebettet.
Gerlindes Nachbar, berauscht vom austretenden Gas und künstlichem Tannenduft, entzündet, sich Kindheitserinnerungen hingebend, eine Kerze…
Von züngelnden Flämmchen umspielt, wird ihm schlagartig gar, wie sehr Herzen und Häuser an Weihnachten in Flammen stehen.
Ein Weihnachtsstern, groß wie die Oberpfalz und eigentlich ein Komet, nimmt draußen in der Oortschen Wolke Kurs auf die Erde. Er freut sich auf Heiligabend 2089…
Ach ja, es ist Weihnachten.