VZL erstmals erfolgreich an lebenden Menschen getestet !

 

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Wir müssen es zugeben: Die Sache ist uns aus den Händen geglitten, die Situation eskaliert und nun müssen wir uns stellen. Wie hat es soweit kommen können, frage ich mich, während ich mich einer gnadenlosen Jury gegenüber sitzend wieder finde und nach einer Rechtfertigung für unsere Eitelkeit und Vermessenheit suche. Wie konnten wir uns nur an ein so gewagtes Experiment zu wagen? Schlimmer noch, wie konnten wir so dreist sein, mit dem Ergebnis unserer Arbeit ans Licht der Öffentlichkeit zu treten, statt uns in dunklen Kammern vor kritischen Blicken und unausweichlichem Spott zu verbergen? Meine Stimme zittert, während ich mich um eine unglaubwürdige Erklärung bemühe und keine Gnade in den Augen von fast vierzig Kritikern finde.

Dabei schien am Anfang alles so leicht. Wir sind kreativ, wir produzieren seit Jahren Kurzgeschichten, Erzählungen und Satiren, verstehen etwas von der Textform. Warum trauen wir uns nicht einfach mal, und machen aus einer Story einen Film?

Gesagt getan. Der erste Film des Thunderbolts, "Kometeneinschlag" wurde noch mit einer alten VHS-Kamera gedreht, beim Nachfolger "between the line" sind wir dann auf eine digitale Videokamera umgestiegen, und hatten dabei zum ersten Mal die Möglichkeit, am Computer zu schneiden. "Versuch zu lächeln" ist der dritte Kurzfilm, den wir im Rahmen des Thunderbolt-Video-Projektes gemacht haben. Die Dreharbeiten begannen am 21. April 2002, den letzten Take nahmen wir fünf Monate später am 28. September auf. Trotz einiger verschobener Termine war es uns gelungen, den Drehplan viel konsequenter als beim Vorläufer "between the line" einzuhalten. In den darauf folgenden Monaten war es vor allem Uwe, der viel Zeit in die Nachbearbeitung des Materials investiert hat. Während dieser Zeit war uns noch nicht bewusst, was für eine Zerreißprobe für unsere Nerven ein halbes Jahr später auf uns warten würde.

Dabei hatten wir uns die Premierenfeier von "Versuch zu lächeln" eigentlich nur als intimes Stelldichein der Teammitglieder vorgestellt. Als sich die Chance ergab, die Premiere ausgerechnet am Drehort der "Barszene", der Bochumer Studentenkneipe "Vorlesung" zu feiern, waren wir begeistert.

Wer von uns hätte ahnen können, wie sehr die kleine Veranstaltung eskalieren würde? Noch vor drei Wochen bin ich persönlich davon ausgegangen, dass sich zur Uraufführung von "Versuch zu Lächeln" nur unsere rund fünfzehn Mitstreiter einfinden würden. Erst wenige Tage zuvor erfahren Uwe und ich quasi als letzte davon, dass das Bochumer Z.A.K, das Zentrum für Aktion und Kultur, Betreiber der "Vorlesung", rund 50 Plakate und 500 Handzettel in den anliegenden Studentenwohnheimen verteilt hat. Unsere kleine verschüchterte, vor neugierigen Blicken verborgene Uraufführung ist zu einem Happening mutiert!

Während ich nun auf einer alten, unbeholfen geflickten Ledercouch der erbarmungslosen Jury aus rund vierzig Zuschauern gegenübersitze, wird mir endgültig bewusst, dass dies der Augenblick der Wahrheit ist. "Entspann dich, Thorsten", versuche ich mich zu beruhigen und frage mich noch jetzt, ob ich den folgenden Satz nur gedacht, oder laut ausgesprochen habe. "Solange sie nicht mit den Barhockern schmeißen, müssen wir zufrieden sein."

Immerhin stehen Uwe und ich nicht allein da. Anwesend ist auch ein großer Teil aller "Macher", die ihre Kreativität vor und hinter der Kamera haben in VZL einfließen lassen. Nervös bemühen Uwe und ich uns vom antiquarischen Sofa aus um ein paar einleitende Worte, stimmen das Publikum auf die kommenden Filme ein. Fast entschuldigend weise ich darauf hin, dass wir nun rund vierzig Minuten der kostbaren Freizeit unseres Publikums in Anspruch nehmen werden.

Beim Start des ersten Filmes "Intro-X" lasse ich mich auf einem Platz in der ersten Reihe nieder, räkele mich unbehaglich unter den drohenden Blicken der Zuschauer in meinem Nacken, flüchte dann lieber geduckt ans andere Ende der "Vorlesung" weit hinter die Reihen unseres Publikums. Wirklich entspannen kann ich mich dort aber auch nicht.

Werden die Zuschauer den Saal noch vor Ende des Filmes mit lauten Unmutsäußerungen verlassen? Wann fliegen die ersten Bierflaschen in Richtung Leinwand? Oder wird jemand zwecks Erheiterung des gelangweilten Publikums Schattenspiele vor dem Beamer veranstalten?

Als "Macher" eines Filmes kennt man alle neuralgischen Punkte der eigenen Produktion allzu gut. Jeder kleine Fehler fällt mir bei dem aufgedrehten Sound und auf der großen Projektion nicht nur auf, nein, es ist als würde jemand den Finger in verschiedene offene Wunden an meinem Körper stecken. Verschiedentlich ertappe ich mich mit zusammengebissenen Zähnen, einem Gesichtsausdruck, den auch Uwe zu verbergen versucht.

Nie zuvor sind mir unsere rund 25 Filmminuten so lang erschienen. Erst jetzt wird mir klar: Vorn direkt vor der Leinwand hätte ich mich zwischen den Zuschauern und im Schatten verbergen können. Dort wo ich nun stehe, wird der Blick des sich ernüchtert abwendenden Publikums als erstes mich treffen.

"War das nicht der Kerl aus dem Film?"

"Ja, und er hat den Mist auch noch geschrieben."

"Los, lasst ihn uns hängen."

Während des Abspanns bereite ich mich seelisch auf die dröhnende Stille vor, die nur ein betreten schweigendes Publikum erzeugen kann. Ob jemals jemand versucht hat, der Lynchjustiz durch eine Spende von Freibier zu entgehen?

Doch die Schutzheiligen der Amateurfilmemacher meinen es gut mit uns. Es wird applaudiert und das immerhin so, dass es sich vom höflichen Mitleidsapplaus unterscheidet. Marcus Wischemann drückt mir ein Tablett mit Sektgläsern in die Hand, es sei nun schließlich mein Job, den Zuschauern ein Gläschen zur Premiere zu reichen. Dabei komme ich mir reichlich seltsam vor…Nicht so seltsam wie in der Sekunde, in der mich einer der Zuschauer kurz vorher mit breitem rheinischem Dialekt um ein Autogramm gebeten hat.

Er: "Gib mal `n Autogramm."

Ich: "Willst du mich jetzt verarschen?"

Er: "Quatsch, du Arsch, wenne schon da bist, dann unterschreib auch hier."

So herzlich ist man in Bochum und wer würde sich einer so nett angetragenen Bitte schon verweigern. Unser neuer Fan nutzt die Gelegenheit konsequent und lässt sich auch von anderen Anwesenden Mitspielern und Musiker Autogramme geben. Einigen unserer Mitstreiter ist eine gewisse Erleichterung anzumerken und in allen Ecken entwickeln sich angeregte Gespräche. (Übrigens kann ich die "Vorlesung" hier mal als Geheimtip empfehlen. Wer mal ein bisschen von der Atmossphäre des Studentenlebens kennenlernen möchte, ist hier genau richtig.)

Ich verkneife es mir, neutrale Zuschauer direkt nach ihrer Meinung zu fragen, aber Heike hört sich im Publikum um und berichtet mir immer mal wieder ganz kurz über ihre "Umfrageergebnisse". Insgesamt scheint "Versuch zu lächeln" mit all seinen kleinen Schwächen ganz gut angekommen zu sein.

Natürlich ist "Versuch zu lächeln", was seine Ausführung anbelangt noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Auch Filmen will gelernt haben und ich glaube, wer "between the line" und "Versuch zu lächeln" vergleicht, der wird nicht entgehen, dass zwischen beiden Filmen ein Lernprozess stattgefunden hat. Und der ist noch lange nicht abgeschlossen. Mit jedem Kurzfilm, der wir ins Zukunft produzieren, wollen wir uns weiter steigern. Und dabei geht es vor allem um eines:

Spaß zu haben.

Ich glaube ich spreche für alle VZL-Teammitglieder, wenn ich sage, dass uns die Premierenfeier Spaß gemacht hat. Und hoch motiviert arbeiten wir bereits jetzt am nächsten Film. Diesmal soll es eine schwarze Komödie werden.

Die Dreharbeiten zu "Leben macht müde" beginnen in den nächsten zwei Monaten.

Ich freu mich drauf.