Versuch zu lächeln -

Das Drehtagebuch

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Das "Versuch zu lächeln" - Drehtagebuch

 

21.4.02 - Drehtag Nr.1

 

Was treibt junge Männer und Frauen am Sonntagnachmittag in ein einsames Parkhaus? Ich erahne ein schiefes Grinsen auf dem Gesicht des Lesers, und trete möglichem Gerede lieber gleich entgegen: Wenn sich die Mitglieder des Thunderbolt-Video-Projektes am Wochenende auf dem obersten Deck eines finsteren Parkhauses zusammenrotten, dann geschieht das nur um der Kunst Willen. Wir können es nämlich nicht lassen und haben uns nach "between the line" einem neuen, noch viel ambitionierterem Projekt zugewandt.

Ich möchte hier auch gleich die Gelegenheit ergreifen und das Gerücht dementieren, der Titel des neuen Films sei "Perverser Parkplatzsex vereinsamter Drehbuchautoren". Unser neustes Baby ist ein Kurzkrimi unter dem Titel "Versuch zu lächeln".

Ein wenig zur Geschichte:

Sabinskys Karriere als Journalist endete abrupt, als er einige schmutzige Details über die Machenschaften des Politikers Voss aufdeckte. Nun schlägt er sich als Schnüffler und Erpresser durch. Als ihn ein gehörnter Ehemann auf seine Gattin ansetzt, stellt Sabinsky verblüfft fest, dass die sich nicht etwa mit einem Liebhaber vergnügt, sondern anscheinend ein lukratives Geschäft als Profikillerin betreibt. Und der Name ihres nächsten Opfers soll Voss lauten...

Das Drehbuch zu diesem Kurzkrimi stammt übrigens aus der Feder eines jungen, hoch begabten Autors, der nur zufälligerweise meine Namen und trägt und auch so aussieht wie ich. Um die Kette von Zufällen auf die Spitze zu treiben, hat übrigens auch der Hauptdarsteller unseres Films verblüffende Ähnlichkeit mit mir. Aber das sollte den Zuschauer nicht weiter irritieren.

Nach Abschluss der Dreharbeiten zu "between the line" im Januar dieses Jahres hätten wir es eigentlich besser wissen müssen. Doch noch während Uwe und ich mit Sonnebrillen auf den Nasen durch die Szenen dieses doch sehr mysteriösen Filmes eilten, brüteten wir bereits über einem neuen Projekt. Reden wir nicht drum herum, sagen wir, wie es ist:

Das Filmemachen hat uns in seinen Bann geschlagen und ist mittlerweile zu einer Sucht geworden, von der wir uns weder befreien können, noch wollen!

Vom ursprünglichen "between-the-line"-Team sind Simone und Heike übrig geblieben, die uns auch diesmal als mittlerweile erfahrene Kamerafrauen unterstützen werden. Uwe hat vom Schauspielfach hinter die Kamera gewechselt und führt nun die Regie. Hinzu kommt beim neuen Projekt eine recht große Anzahl von Darstellern, darunter unter anderem auch Theo Klein, der uns schon bei "between the line" begeisterte. Ganz neu im Team ist Kerstin Peters, die mich in ihrer Rolle als toughe Killerin bisher sehr beeindruckte und die ich hier, ohne den Begriff überzustrapazieren, als Idealbesetzung bezeichnen möchte. Sie hat es tatsächlich geschafft, uns gleich am ersten Tag in der vermutlich schwierigsten Szene zu überzeugen.

Auch Jochem Koch hatte am ersten Drehtag bereits einen Auftritt, der allerdings eher zweidimensional ausfiel. Er gab sich bisher nur als Bild auf einer gefakten Tageszeitung die Ehre. Ich bin aber zuversichtlich, dass auch er uns am nächsten Drehtag einiges bieten wird.

Dazu kommt eine ganze Meute von Schlägern und Leibwächtern, darunter auch mein alter Freund Henning, der endlich etwas tun kann, das ihm wohl schon seit Jahren vorschwebt: Mir so richtig eine rein semmeln.

Es sind sogar übrigens noch ein oder zwei Rollen zu vergeben. Falls jemand Spaß daran hat, sich in einer Tiefgarage niederstechen zu lassen, um sich das ganze später auf Video anzusehen, möge er sich bitte hier melden.

Technisch haben sich nur einige Kleinigkeiten verändert. Nachdem wir bei "between the line" allzu oft mit dem Ton kämpfen mussten, verwenden wir nun ein hochwertigeres Mikrofon. Außerdem haben wir die Notwendigkeit von Reflektoren für die korrekte Ausleuchtung einsehen müssen, genauso wie die einer Abschirmung bei zu starkem Lichteinfall, wozu wir die Kofferraumabdeckung von Simones Golf verwenden.

Um den Film optisch interessant zu machen, haben wir im Vorfeld eine Anzahl möglicher Drehorte abgeklappert und uns dabei nicht nur mit organisatorischen, sondern auch möglichen technischen Problemen auseinandergesetzt. Szenen mit Dialogen können nicht an Orten mit großem Verkehrslärm gedreht werden. Außerdem haben wir uns ernsthafte Sorgen darüber gemacht, was geschehen könnte, falls wir an öffentlichen Plätzen mit Schusswaffenattrappen auftauchen. So eine groß angelegte Verhaftungsszene mit Einsatz eines SEKs und Helikoptern wäre zwar filmisch sehr eindrucksvoll gewesen, führte uns aber zu der Frage, ob man uns wohl die Computer später zur Nachbearbeitung in unsere Zellen stellen würde.

Einige dieser Schwierigkeiten haben wir mittlerweile lösen können. Doch es wird sicherlich noch einige harte Nüsse zu knacken geben, bevor die letzte Klappe zu "Versuch zu lächeln" fällt - vor allem solche, mit denen wir jetzt noch gar nicht rechnen.

Auf jeden Fall freue nicht nur ich mich sondern auch das gesamte Team auf die weiteren Dreharbeiten zu "Versuch zu lächeln" - und irgendwie sind wir alle überzeugt davon, diesmal ein echtes Meisterstück auf Zelluloid, Verzeihung, auf die Festplatte zu bringen.

 

 

 

28.4.02 - Drehtag Nr.2

 

An diesem Tag planen wir mehrere Takes in einem großen Einkaufszentrum im Ruhrgebiet, dessen Namen ich hier nicht nenne, weil Sponsoring von dieser Seite bisher noch ausblieb.

Auch der Show Down von "Versuch zu lächeln" sollte ursprünglich dort gedreht werden, aber Bedenken hinsichtlich eines vermutlich übereifrigen Sicherheitsdienstes und die miserable Akustik auf dem Parkeck aufgrund der Nähe zu einer dichtbefahrenen Strasse haben uns von diesem Plan abgebracht. Lieber beschränken wir uns darauf, heute hier den Hauptanteil der Verfolgungsszenen zu drehen. An sich eine einfache Aufgabe. Die Takes sind nicht besonders anspruchsvoll und die Dialoge gleich Null, so dass sich Kerstins und meine schaupielerische Leistung darauf beschränkt, irgendwie mysteriös durchs Bild zu marschieren. Eigentlich also ein Schnellschuss.

Mit dabei an diesem Tag: Kerstin, Simone, Uwe und ich.

Gleich zu Beginn bestätigt sich unsere Einschätzung, was den Sicherheitsdienst angeht. Keine 5 Minuten, nachdem wir unsere Kamera aufgebaut haben, taucht einer der Sicherheitsleute auf und erkundigt sich höflich, aber bestimmt danach, was wir denn da gerade treiben würden.

Während ich das Gespräch zwischen ihm, Kamerafrau Simone und Uwe beobachte, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie nervös die Sicherheitsleute reagiert hätten, wären sie zufälligerweise Zeuge unserer Schlussszene geworden. Echt aussehende Waffenattrappen hätten nicht gerade zu einer Klärung möglicher Missverständnisse beigetragen...

Unterdessen erklären Uwe und Simone ihm, wir würden hier nur zum Spaß filmen, trotzdem funkt er die Zentrale an, um uns dann zu erklären, wir dürften durchaus weiter machen, allerdings nur ohne Stativ.

Eine nur auf den ersten Blick harmlose Beschränkung, die uns unsere weiteren Aufnahmen ganz erheblich erschwert. Da wir mit der Kamera meistens im Telebereich arbeiten, verwandelt jede noch so kleine Kamerabewegung unsere Aufnahmen in eine Zitterpartie.

Es ist vor allem Simones Geschick und ihrer mittlerweile großen Erfahrung mit der Kamera zu verdanken, dass sie es trotzdem schafft, einige wirklich gute Takes aufzunehmen. Tatsächlich gelingt es uns in erstaunlich kurzer Zeit, unser gesamtes Programm zu absolvieren und sogar noch einige Takes vor Ort zu "erfinden."

Die arme Kerstin hat heute, nebenbei bemerkt, vor allem unter ihrem Outfit zu leiden. Sich an einem grauen und regnerischen Tag ganz in Schwarz mit einer "schaut-mal-ich-bin-cool"-Sonnebrille durch eine Einkaufspassage zu bewegen, provoziert blöde Kommentare en masse. Noch dazu muss sie sich durch Zuwinken und Zurufe von uns herumscheuchen lassen, während wir sie aus einer höheren Etage filmen. Sie nimmt es gelassen - ganz so, wie es sich für eine toughe Heldin gehört.

Besonders beeindruckt, bin ich bei der späteren Durchsicht des Materials von den Aufnahmen, die wir zum Abschluss oben auf einem der Parkdecks gemacht haben.

Insgesamt ein wirklich erfolgreicher Drehtag.

 

11.5.02 - Drehtag Nr.3

 

Als wir "Versuch zu lächeln" geschrieben haben, wollten wir eines auf jeden Fall mit in den Film bringen: Eine zünftige Keilerei. Nicht ganz unproblematisch für mich als einen der Hauptdarsteller. Von Natur aus Bewegungslegastheniker war für mich klar, dass jeder Versuch meinerseits auch nur ansatzweise glaubwürdig bei so einer Szene zu wirken, gleich zum Scheitern verurteilt wäre. Aber es gibt ja die moderne Schnitttechnik...

In der heutigen Szene soll Sabinsky in einem düsteren Parkhaus auf einen Schläger treffen, der ihm arg zusetzt. Noch bevor ich diesen Teil des Drehbuches schrieb, hatte ich bereits einen Darsteller für Sabinskys Gegner im Auge. Angreifer1 (so sein Drehbuchname) musste auf jeden ein ziemlicher Kleiderschank sein und sollte zusätzlich noch schauspielerisches und komisches Talent haben. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer war mir während der Planungsphase geworden, dass es jemanden gab, der alle Anforderungen erfüllte. Mein alter Freund Henning besitzt nicht nur die Statur, sondern ist noch dazu ein guter Schauspieler, bei dem mir immer wieder auffällt, wie schnell er Filmszenen nachsprechen und Komiker imitieren kann. Ich fragte ihn einige Wochen vorher und zu meiner Erleichterung hatte er tatsächlich Lust, bei "Versuch zu lächeln" mitzuwirken.

Am heutigen Drehtag ist es nun soweit und Henning wird - neben Kerstin - ganz im Mittelpunkt des Geschehens stehen.

Heute mit dabei: Simone, Heike, Kerstin, Uwe, Henning und ich.

Kurz vor dem ersten Take begegnen er und Kerstin sich das erste Mal, noch dazu hat er den Nachteil, bisher noch niemandem aus dem Thunderbolt-Video-Team kennen gelernt zu haben. Einfach so mal zu schauspielen ist schon nicht leicht. Es noch dazu, vor lauter fremden Leuten zu probieren macht die Sache erst recht nicht einfacher. Außerdem muss er Kerstin im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pelle rücken, da er sich als Schläger einen Spaß daraus machen soll, nach Doro zu grabschen. Ich frage mich, ob beide genug aus sich herausgehen können, damit das ganze glaubwürdig wirkt.

Immerhin stehen heute vier Leute hinter der Kamera und ich glaube, alle sind gespannt, ob die Szene funktionieren wird. Zehn Minuten später liegen Angreifer1 und Doro im Clinch - und das so überzeugend, das alle hinter der Kamera sich wortlos, aber breit grinsend zunicken.

Von diesem Moment an sind Henning und Kerstin eingespielt und wir können alle weiteren Takes problemlos in so kurzer Zeit drehen, als wären wir alle Profis, die seit Jahren nichts anderes gemacht hätten. Um die Crew bei Laune zu halten, haben wir den Dach des Corsa zum Büfett umfunktioniert auf dem man sich an diversem Süßkram bedienen kann. Aber es liegt nicht an Überzuckerung, dass wir viel Spaß haben an diesem Nachmittag. Trotzdem liegt immerhin noch eine der schwierigsten Szenen vor uns.

Der Kampf zwischen Sabinsky, Doro und Angreifer1.

Niemand rechnet mit dem was nun geschieht: Plötzlich gehen die Lichter im Parkhaus aus. Einen Moment glauben wir, man will uns einen Wink geben und auf diese Weise auffordern, das Feld zu räumen. Doch die Uhr zeigt genau 15 Uhr und so sind wir wohl doch nur Opfer einer Zeitschaltuhr geworden. Was zunächst das vorzeitige Aus des heutigen Drehs zu bedeuten scheint, entpuppt sich jedoch schnell als großartiger Umstand. Die verbliebene Notbeleuchtung verleiht dem Parkdeck eine regelrechte Arena-Atmossphäre passend zur Kampfszene, die wir nun drehen wollen. Wir machen ein paar Testaufnahmen und stellen fest, dass wir nun die Chance auf ein paar echte Film-Noir-Takes haben.

Jetzt liegt es an Henning und mir, einen möglichst überzeugenden Faustkampf abzuliefern. Mit einer gezielten Rechten soll ich ausser Gefecht gesetzt werde. In Anbetracht von Hennings beunruhigend grosser Faust nicht immer zu früh auszuweichen, stellt eine echte Mutprobe dar. Immerhin geben wir nicht auf und einmal verliere ich beinahe ein paar Zähne.

Schliesslich gelingt es uns, den Schlagatausch zur vollen Zufriedenheit von Uwe und den Kamerafrauen durchzuspielen. Ich bin doch sehr erleichtert, dass ich keine neuen Kronen brauche...

Mittlerweile spüre ich aber deutlich die ersten Ausläufer einer Erkältung. Dass ich die nächste Stunde liegend auf dem Boden des Parkhauses verbringen muss, verbessert meine Aussichten auf schnelle Genesung nicht. Aber die Szene ist mir einen deftigen Schnupfen und auch eine kräftige Halsentzündung wert.

Für die wenigen Autofahrer, die an diesem Nachmittag durch das menschenleere Parkhaus fahren, müssen wir gerade jetzt einen seltsamen Anblick bieten. Eine etwas desorientiert wirkende Dame lässt es sich dann auch nicht nehmen, mit ihrem Wagen gleich zweimal an uns vorbeizukurven. Beim zweiten Mal in falscher Fahrrichtung, denn sie scheint übersehen zu haben, dass sie sich auf einer Einbahnstrasse befindet. Glücklicherweise taucht niemand auf, als Kerstin, Henning und ich wie die Opfer eines Massenmordes auf dem Boden verstreut liegen.

Am Ende dieses Drehtages sind wir alle überrascht: Es ist uns gelungen, eine Szene, für die wir ursprünglich zwei Tage eingeplant hatten, an nur einem Tag fertig zu stellen - und das mit einem Ergebnis, mit dem zumindest wir mehr als zufrieden sind.

Ich habe an diesem Nachmittag den Eindruck, dass die Crew wirklich perfekt zusammenarbeitet und freue mich im stillen schon auf den nächsten Drehtag - gäbe es da nicht diese seltsame Vorahnung.

Tatsächlich: Als wir uns später bei Uwe das Material ansehen wollen, stellen wir fest, dass die Kamera beschädigt ist. Sie gibt die Aufnahmen nur noch ruckelnd wieder und wir befürchten, alles wegwerfen zu müssen. So endet ein guter Drehtag dann doch noch mit einer Enttäuschung. Als ich nach hause fahre, mittlerweile hustend und niesend, bin ich etwas frustriert.

Immerhin stellt sich kurze Zeit später heraus, dass die Aufnahmen in Ordnung sind. Doch trotzdem bleibt ein Problem: Wir brauchen eine neue Kamera!

 

30.5.2002 - Drehtag Nr.4

 

Zu unserem Glück hat sich das Kameraproblem mittlerweile gelöst. Da Kerstin ebenfalls eine DV-Kamera besitzt, können wir weiterdrehen, während Uwes Kamera sich auf der langen Reise zur Werkstatt befindet. Mittlerweile liegt auch ein ziemlich unverschämter Kostenvoranschlag vor. 250 Euro wird er blechen müssen. Tja, eigentlich ist die Kamera selbst eben das Ersatzteil. Jedenfalls scheinen die Elektronikhersteller das mittlerweile so zu halten.

Uwe hat als Drehort für die heutigen Szenen den Nordsternpark ausgewählt.

Mit dabei: Heike, Kerstin, Henning, Uwe, ich.

Außerdem betritt diesmal auch ein neuer Schauspieler die Szene. Kerstins Freund Jan ist kurzerhand und irgendwie sehr passend als Doros Ehemann gecastet worden und wird sich nun als Darsteller beweisen müssen. Die erste Szene drehen wir auf einer Parkbank und stoßen wieder einmal auf die alten Feinde jeder Amateur-Filmproduktion: Sonne, Wind und Passanten. Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen meinen, an einem Feiertag eine kleine Filmproduktion durch ihre Anwesenheit behindern zu müssen. Immerhin sind einige so rücksichtsvoll, nicht mitten durchs Bild zu latschen. Fußballspielende Kinder lassen mich allerdings von Schildern folgenden Wortlautes träumen: "Spielende Kinder sind mit Knebel im Mund an der Leine zu führen!"

Okay, ich übertreibe.

Obwohl wir immer wieder auf die Koinzidenz von Windstille, Wolke vor Sonne und Abwesenheit von Passanten warten müssen, gelingt es uns zügig, die Szene mit Doros Mann und Sabinsky abzudrehen. Auch mit Jan haben wir Glück: Es ist zwar seine aller erste Filmszene, aber er schlägt sich wacker und wir sind zufrieden.

Auf ein kleines Problem stoßen wir erst in der nächsten Szene. Kerstin hat die Schminkausrüstung vergessen, aber Sabinsky und Doro benötigen in allen kommenden Takes ihre Blessuren. Wir überlegen kurz und wenig später finde ich mich mit Kerstin am Schalter eines McDonalds wieder. Die Idee: Ketchup und braune Special-Sauce als Schminkersatz. Fünf Minuten später wieder am Drehort stellen wir als erstes fest, dass wir trotz meiner deutlichen Bitte um viel Ketchup nur zwei Tütchen Mayonaise erhalten haben. Auch unsere letzte Hoffnung zerplatzt. Braune Spezialsauce sieht auf Kerstins Gesicht aufgetragen einfach nur wie braune Spezialsauce aus. Die geplante Szene müssen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes abschminken...

Also springen wir zur nächsten und drehen einige hundert Meter entfernt zwei sehr einfach Takes. Drehort: Eine etwas heruntergekommene Häuserzeile, aus deren Eingangstüren im Laufe der nächsten Minuten ständig Frauen mit Kopftüchern strömen. Obwohl uns türkische Patriarchen skeptisch begutachten, lässt man uns gewähren und glücklicherweise fallen auch aus dem gegenüberliegenden Motorradmuseum nicht Horden von Hellsangels über uns her, die mich, mit Spiegelreflexkamera im Anschlag, mit einem Zivilfahnder verwechseln.

Nach diesen leicht zu filmenden Takes haben wir eine Idee, um doch noch die vorher geplante Szene zu machen und nun heißt es für Kerstin und mich, eine sehr dialogreiche und schwierige Szene zu spielen. Eine gute halbe Stunde verbringen wir damit, den Text zu büffeln, den wir, wie es sich für echte Profis mit Allüren gehört, natürlich nie vorher lernen würden. Ein Vorteil für mich, den Schauspieler in der rauen Filmwirklichkeit selten haben: Das Drehbuch stammt von mir.

Danach brauchen wir noch mal gute zwanzig Minuten, um uns warm zu spielen und vom auswendig aufsagen, zur Schauspielerei überzugehen.

Wir drehen die Szene mehrmals aus zwei Richtungen, sind schließlich mit dem Ergebnis zufrieden und beenden den heutigen Dreh.

Auch bei der Begutachtung des Materials bei Uwe gibt es diesmal keine böse Überraschung. Im Gegenteil, wir liegen gut in der Zeit und sind nun ganz wild darauf, endlich den Show Down zu drehen...

 

 

22.6.2002 - Drehtag Nr.5

 

Endlich ist es soweit. Nachdem wir die erste Hälfte des Finales bereits vor einem Monat gedreht haben, freuen wir uns darauf, die Schlussszene fertig stellen zu können. Die Organisation eines geeigneten Termins hatte sich nicht ganz so einfach wie erhofft gestaltet. Immerhin stehen 5 Akteure vor der Kamera und natürlich muss auch der Regisseur und mindestens eine Kamerafrau anwesend sein. Drei Termine hatten wir bereits verschieben müssen, doch heute haben sich endlich alle Crewmitglieder eingefunden und auch das Wetter scheint mitzuspielen. Zum ersten und vermutlich einzigen Mal wird heute sich auch Jochem in seiner Rolle als Voss die Ehre geben. Zuvor hatte er bereits den Zumquist in "between the line" synchronisiert und nun sind wir gespannt darauf, ihn in Fleisch und vor allem Blut spielen zu sehen. Außerdem sind Kerstin, Heike, Simone, Sven, Jan, Henning, und Uwe anwesend.

Wir beginnen mit einem kurzen Take vor dem Medizinergebäude der RUB. Jochem wird als Voss eine kleine Rede halten - so herzlich, weltmännisch und ehrlich wie man sie von einem korrupten Politiker erwarten darf. Ohne jede Vorbereitung legt er los und erfüllt unsere hochgesteckten Erwartungen von der ersten Sekunde an. Die Rolle des smarten Polit-Drahtziehers ist ihm wirklich perfekt auf den Leib geschrieben. Ich kann ihn mir, während ich die Szene verfolge, sogar lebhaft als potentiellen Gegenspieler eines James Bonds vorstellen.

Mittlerweile wird der Sicherheitsdienst im Gebäude auf unsere dreisten Aktivitäten vor der eigenen Haustür aufmerksam. Ein unschlüssig dreinschauender Wachmann beäugt uns durch die Glastür, verschwindet und kehrt mit einem Kollegen zurück. Als die beiden herauskommen haben wir die Kamera aber bereits verstaut und den Rückzug angetreten, was uns lästige Fragen von Seiten dieser in der Ausübung ihres Berufes sicher sehr gewissenhaften Herren erspart.

Im nächsten Take besteht für mich selbst die einzige Aufgabe darin, mich auf dem obersten Deck des anliegenden Parkhauses zu zeigen. Vom Schauspieler degradiert auf einen Bestandteil der Kulissen beobachte ich gemeinsam mit Kerstin, wie Uwe und Heike unten einige Takes mit Voss und seinen Leibwächtern drehen. Etwas gelangweilt wage ich es ab und zu, per Handy Uwe mit überflüssigen Ratschlägen zu belästigen. Kerstin und ich amüsieren uns köstlich, als plötzlich ein Volvo mit Kölner Kennzeichen auf dem obersten Parkdeck aufkreuzt. Ein peinlich berührtes Pärchen beäugt uns überrascht, bevor der Wagen fluchartig wieder das um diese Zeit normalerweise menschenleere Parkhaus verlässt. Was die Kölner hier oben vorhatten, darüber können wir nur spekulieren - und schelmisch grinsen.

Nachdem sich die Mannschaft mit einfachen Takes eingespielt hat, wird es nun endlich ernst. Da Jochems Terminplan drängt, gilt es alle Takes mit ihm an diesem Nachmittag abzudrehen. So ganz glücklich scheint er mit seiner Rolle nicht zu sein. Heftig hatte er vorher seinen Part als, so wörtlich, "Arschloch" abgetan und nach mehr Tiefgang verlangt. Demokratie ist beim Thunderbolt-Video-Projekt jedoch verpönt und Kritik, egal in welcher Form, beschleunigt allenfalls das Ableben eines Charakters. Erst recht, sobald Darsteller belieben, sich wie Diven aufzuführen, sich weigern, das vorgeschriebene Kostüm zu tragen und selbst als Leiche auf Rosen gebettet werden möchten. Nach einigem guten Zureden begnügt sich Jochem aber mit einer Folie als Unterlage zum Schutz seines Jacketts. Doch Allüren können auch ein Symptom für echtes Schauspieltalent sein. Und tatsächlich brilliert Jochem in seiner Rolle als Voss und treibt uns vor allem in seiner Sterbeszene die Freudentränen in die Augen. "Hervorragend, wie ein nasser Sack", kommentiert Henning Jochems gelungenen Zusammenbruch nachdem ihn ein Schuss in den...nun, wir wissen es nicht genau, getroffen hat. Tja, da hatten wir uns gerade an ihn gewöhnt und schon ist er tot. Aber es wird, so hoffe ich, nicht Jochems letzter Auftritt in einem Thunderbolt-Film gewesen sein.

Auch Kerstin und ich müssen heute noch einmal ran. Immerhin sind wir mittlerweile eingespielt und haben keine Probleme, uns wieder in die Situation hereinzufinden. Allerdings muss vor allem Kerstin an diesem heißen Tag endlose Minuten auf dem Boden kauernd verbringen. Kein Vergnügen, aber für die Kunst müssen eben Opfer gebracht werden. Kerstin zum Beispiel...

In den nachfolgenden Szenen stehen Voss Leibwächter im Mittelpunkt, die wir an diesem Tag einige Male über Parkplatz und Parkdeck scheuchen. Unseren beiden Schauspieler dürften sich dabei vorkommen, als seien sie unversehens in die Dreharbeiten zu einem schlechten Krimi geraten. Nun ja, eigentlich sind es ja auch die Dreharbeiten zu einem schlechten Krimi...

Abgesehen von kleineren technischen Problemen mit einer Pistole, die immer mal wieder klemmt, sind diese Takes schnell gedreht.

Was nach einigen wenigen Minuten Arbeit klingt hat letztendlich gut sechs Stunden dieses sonnigen Samstages in Anspruch genommen. Doch das Finale ist damit abgedreht und wir können uns den anderen Szenen zuwenden. Neue, große Herausforderungen warten nun auf uns...

 

 

 

 

 

 

17.8.2002 - Drehtag Nr. 6

 

Auf die Details kommt es an. Einmal mehr ist uns das bei Begutachtung unseres bisher gedrehten Materials schmerzlich bewusst geworden. Zwar sind wir mit unseren Ergebnissen zufrieden, aber immer wieder gelingt es bösen kleinen Gremlins, sich ins Bild zu schleichen. Da vergisst ein Darsteller, im rechten Moment seine Sonnebrille abzunehmen, dem anderen fehlt plötzlich ein Pflaster oder der Bewegungsablauf sieht einfach zu gestelzt aus.

An diesem mehr als sonnigen Nachmittag treffen wir uns, um jene kleinen Fehler auszubügeln, über die wir unweigerlich nach jedem Dreh stolpern. Als Henning, Uwe und ich etwas verspätet auf dem Parkdeck eintreffen, auf dem die Schlussszene von "Versuch zu lächeln" spielt, bietet sich uns ein sommerlicher Anblick, der mich eher an ein Picknick erinnert. Heike, Simone, Kerstin und Jan suchen Schatten unter ein paar Regenschirmen, die sie über ihre Köpfen halten und strahlen dabei heitere Gemütlichkeit aus. Allein der Grill fehlt, um die Idylle komplett zu machen. Uwe kann nicht widerstehen und fotografiert die Szene schon aus dem Auto heraus. So beginnt der Dreh mit Gelächter und das ist ein gutes Omen. Die Stimmung ist sehr gut an diesem Tag und zügig filmen wir all die kleinen Takes auf unserer Liste. Sabinsky schaut nun nicht mehr in die falsche Richtung, Henning hat ein Pflaster, wo eines sein sollte, Jan rennt jetzt mit gezogener Waffe wie ein professioneller Bodyguard und vergisst diesmal auch nicht die Sonnenbrille zur rechten Zeit abzunehmen. Er zeigt außerdem echte schauspielerische Begabung in einem nicht ganz einfachen Take.

Für die nächsten Aufnahmen müssen wir noch einmal ins Parkhaus, die Kampfarena, in der sich Kerstin und Henning und ein unschuldiger Feuerlöscher einen Kampf auf Leben und Tod liefern. Haben wir hier schon beim ersten Dreh zu dieser Szene einen reichlich seltsamen Anblick geboten, treiben wir`s diesmal erst richtig wild. Ich kann nicht ganz glauben, was ich da sehe, als Uwe, Kerstin und Heike sich plötzlich am Boden herumwälzen. Heike liegt auf dem Rücken und filmt Kerstin auf den Knien hockend vor sich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife heute unsere Personalien aufnehmen würde. Natürlich hat die Bodenakrobatik einen ganz plausiblen Grund. Was da gerade mühsam abgefilmt wird, ist eine kleine Martial Arts-Einlage - jedenfalls im Rahmen unserer Möglichkeiten. Henning verbeißt sich in seiner Jacke, um das Lachen zu unterdrücken, Uwe grinst irgendwie sehr zufrieden und über meinen eigenen Gesichtsausdruck kann ich nur spekulieren.

Die letzten Takes für den heutigen Tag führen uns in eine Seitenstrasse. Das Motto passend zum Krimi: "Kerstin, hol schon mal den Wagen." Sie muss ein paar mal durchs Bild kurven. In ihren Wagen ein- und wieder aussteigen und dabei möglichst geschickt ein Gewehr verstauen. Sie macht das so souverän, als würde sie ständig mit Waffen hantieren und beinahe kommen wir schon ins Grübeln.

Ausgetrocknet und von der Hitze schön aufgeweicht beenden wir diesen Drehtag mit dem Wissen, dass nur noch drei Szenen fehlen.

Langsam wird es spannend!

 

 

 

 

15.9.2002 - Drehtag Nr. 7

An diesem Samstag haben wir uns eingefunden, um eine der etwas schwierigeren Szenen von "Versuch zu lächeln" in Angriff zu nehmen. Größtes organisatorisches Problem war es hierfür eine geeignete Location zu finden. Wir benötigen diesmal nämlich ein ganzes Restaurant als Kulisse. Bei unserem ersten größeren Video-Projekt haben wir bereits im Restaurant "Vesuvio" in Herne-Sodingen drehen dürfen - und immer noch wartet man dort auf eine Kassette mit dem fertigen Film. (Die Fertigstellung von "between the line" hängt einzig und allein vom Soundtrack ab, an dem Lars Fischer immer noch arbeitet)

Eine Woche zuvor bin ich mit Henning, Ludger und dessen Laptop bei "Vesuvio" gewesen und habe der Hausherrin den mittlerweile fertig gestellten Trailer von "Versuch zu lächeln" gezeigt, um sie dann vorsichtig um eine neue Drehgenehmigung zu bitten - nicht ohne mir dabei etwas seltsam vorzukommen. Immerhin ist das erste Projekt immer noch nicht fertig. Doch man zeigte sich verblüfft über den recht gelungenen Trailer und wir einigten uns schnell auf den kommenden Samstag als Termin. Den heutigen Tag.

Eine Stunde bevor der Betrieb im Lokal losgeht dürfen wir zu drehen beginnen und dementsprechend sind wir bedacht darauf, bis zum Öffnen die Szene abzuschließen. Mit dabei sind Uwe, Heike, Henning und in einer Gastrolle Ludger, der verstirbt, ohne dass sein Gesicht jemals zu sehen wäre. Keine reizvolle Rolle, umso dankbarer bin ich dafür, dass er sich dazu bereit erklärt hat.

Rasch finden wir eine geeignete Kameraposition und beginnen die Szene mit insgesamt drei Takes zu drehen. Trotz der teils skeptischen, teils amüsierten Blicke von Chef und Chefin, eines Pizzataxifahrers und einer Kellnerin spielen wir uns relativ schnell ein, wobei meine Mitspieler zu ihrem Glück stumme Rollen haben, während ich mich mit einem etwas längeren Monolog abmühen muss. Noch dazu muß ich einen fiesen Zeitgenossen spielen, der gerade sein Gegenüber mit heißen Sex-Photos erpresst. Natürlich bin ich als Drehbuchautor selbst schuld an meinem Schicksal und versuche meinen zugeben seltsamen Auftritt so überzeugend wie möglich hinter mich zu bringen. Eklig sein kann ich schließlich gut.

Fast pünktlich um 18.05 Uhr beenden wir den letzten Take und gönnen uns ein entspanntes und vergnügliches Abendessen, in dessen Verlauf wir bereits über kommende Projekte nachgrübeln. Doch die Arbeit an "Versuch zu lächeln" ist nicht abgeschlossen. Noch fehlen zwei Szenen…

 

 

 

 

 

 

28.9.2002 - Drehtag Nr. 8

 

Der heutige Drehtag beginnt auf höchst ungewöhnliche Weise. Früh am morgen wird mir klar, dass wichtige Requisiten für die geplanten Aufnahmen fehlen. Material besonders pikanter Natur, nebenbei bemerkt. Sabinsky wird in der heutigen Szene seinem ehemaligen Chefredakteur einige sehr intime Photos anbieten. Und es liegt an mir solch nackte Tastsachen noch vor Drehbeginn zu beschaffen. Die modernen Möglichkeiten der Bildbearbeitung machen es mir leicht. In wenigen Minuten ist Grundmaterial zweifelhafter Herkunft beschafft, aus dem mit geringem Arbeitsaufwand grobkörnige Schnappschüsse werden, die aussehen wie mit dem Teleobjektiv gemacht.

Abgesehen von delikaten Requisiten steht uns an diesem Tag aber auch noch ein bereits bewährter Darsteller zur Verfügung. Theo Klein ist angereist, um heute seinen Auftritt als Sabinskys ehemaliger Chefredakteur zu absolvieren. Eine Rolle, die ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Leib geschrieben wurde.

Anwesend sind heute außerdem Simone, Henning, Uwe und ich.

Als Location haben wir den Wissenschaftspark in Gelsenkirchen ausgesucht, der unglücklicherweise nicht nur Anlaufstelle für Miniaturfilmproduktionen sondern spielende Kinder, Radfahrer, Jogger und Hundebesitzer ist. Nicht ganz unproblematisch, muss ich doch über einen längeren Zeitraum bereits angesprochene Photos in die Kamera halten. Etwas seltsam komme ich mir schon vor, als eine Gruppe von vier kleinen Kindern auftaucht. Die haben sich spontan entschlossen, unsere Fans zu werden und sind wild entschlossen unseren Dreh aus nächster Nähe zu verfolgen. Nur mit dem schweigen klappt es noch nicht so ganz. Nach einigem guten Zureden lassen sie sich dann doch zum Weitergehen bewegen. Auch ein kleiner, sehr neugieriger Hund, der sein Herz für uns entdeckt hat, trägt eher zur Erheiterung bei, als zu stören.

Innerhalb von einer Stunde drehen wir alle Szenen ab. Theo beweist dabei ein weiteres Mal sein Talent als Schauspieler und überzeugt ohne Anlauf und Vorbereitung in seiner Rolle. Allein durch seine physische Größe(1.96 m oder mehr) besitzt er schon eine ganz bemerkenswerte Präsenz, die wesentlich zur Atmosphäre der fertigen Szene beiträgt. Ein älteres Ehepaar beäugt ihn skeptisch und begrüßt ihn etwas ehrfürchtig, wohl im Glauben es könnte sich um einen Politiker bei einem Interview handeln. Ja, auch in dieser Rolle Theo eben sehr glaubwürdig.

An diesem Tag verstreut sich das anwesende Team dann ausnahmsweise mal nicht nach Drehschluss eilig in alle Himmelsrichtungen. Statt dessen schauen wir uns bei Uwe bei Pizza und in guter Stimmung eine Vorpremiere von "between the line" an - der ist nämlich, wie es der Zufall wollte, einen Tag zuvor endlich fertig geworden, nachdem Lars Fischer uns in dieser Woche den fertigen und wirklich sehr gelungenen Soundtrack zugeschickt hat. Aber auch "Versuch zu lächeln" steht kurz vor der Vollendung.

Es juckt uns in den Fingern, nun endlich die Bar-Szene zu drehen.

Worum es da geht?

Das erfährt der Leser beim nächsten Mal…

 

 

 

 

28.9.2002 - Drehtag Nr. 9 -

Die letzte Szene

 

Endlich! Ein halbes Jahr ist vergangen, seit wir die vorletzte Szene von "Versuch zu lächeln" gedreht haben. Wieder einmal haben wir lernen müssen, dass es immer wieder Umstände gibt, die sich unserer Kontrolle entziehen. Ursprünglich hatte die "Barszene" in einem Cafe in Herne entstehen sollen. Doch einen geeigneten Termin dafür zu finden, erweist sich als kaum lösbares Problem. Uwe und ich verlieren die eine oder andere Krone, wenn wir mal wieder nach Erhalt einer der obligatorischen Absagemails die Zähne in die Tischkante schlagen. Vor weiteren Zahnarztkosten bewahrt uns nach frustrierenden Monaten glücklicherweise Kamerafrau Heike, als sie uns mitteilt, die Umbauarbeiten in der Kneipe eines Bekannten seien abgeschlossen und wir könnten nun dort drehen.

Ein echter Glücksfall, wie sich herausstellt. Die Bochumer "Vorlesung" erweist sich als ideale Location mit genau der Atmosphäre, nach der die melancholischste Szene von "Versuch zu lächeln" verlangt. Eine Szene übrigens, an der hinter den Kulissen so viele Personen wie noch nie zuvor bei einem Thunderbolt-Video-Projekt mitgearbeitet haben. Die lange Geschichte der "Barszene" nimmt ihren Lauf im Frühjahr letzten Jahres, als sich unsere Hauptdarstellerin Kerstin mit Kolleginnen über das Video unterhält, in dem sie mitspielen wird. So eine Art Krimi eben, der ein bisschen düster werden soll. In diesem Augenblick macht Bianca Franke eine unbedachte Äußerung, die sie später noch bereuen wird: "Aber dann singe ich in dem Film einen Song!"

Uwe ist auf Anhieb von dieser Idee begeistert und schon kurze Zeit später steht eine entsprechende Zusatzszene im Drehbuch: Die Barszene hat in unseren Köpfen konkrete Gestalt angenommen. Was wäre ein echter Detektiv-Film-Noir auch ohne geheimnisvolle Sängerin in einer finsteren Bar, die der desillusionierte Held über ein Whiskeyglas hinweg anschmachtet? Raymond Chandler wäre stolz auf uns gewesen…

Doch wer eine Sängerin hat, steht schnell vor dem nächsten Problem. Jetzt braucht er nämlich auch einen Song. Geistern mir zu Anfang noch tückische Bilder von Heike Makatschs "Stand by your man" in "Männerpension" durch den Kopf, löst sich das Problem eines passenden Textes wie von allein. Angelika Müller ist ebenfalls anwesend bei jener historischen Plauderei zwischen Bianca und Kerstin und macht sich sogleich entschlossen daran, den Song in Worte zu kleiden. Innerhalb kurzer Zeit legt sie Uwe einen passenden Text für unseren Filmsong "Try to smile" vor. Begabte Leser dürfen sich an der nachfolgenden Überlegung beteiligen: Wir haben eine Sängerin, wir haben einen Text, na, was fehlt noch?

Im letzten Jahr habe ich Seiten wie Mp3.com als echte Fundgrube für Filmmusik entdeckt. Die meisten Musiker, die sich dort präsentieren, sind gerne bereit, ihre Songs zu einem privaten Videoprojekt beizusteuern. Auf diesem Wege bin ich auch auf eine - leider mittlerweile aufgelöste - Bochumer Band gestoßen, die uns erlaubt, einen ihrer Songs im Film zu verwenden. Als ich bei Marc Ossenbrink, einem der Bandmitglieder anfrage, ob er Lust hätte, ein Lied passend zum Film zu machen, ist der zu meiner großen Freude von der Idee begeistert und macht sich sofort an die Arbeit. Innerhalb weniger Wochen komponiert er einen Song, den er gemeinsam mit Bandkollegen Tim Sundermann einspielt. Uwe und mir gefällt das Ding so gut, dass wir beim ersten Zuhören unseren Ohren nicht trauen wollen.

Zwischenzeitlich ist Bianca auch klar geworden, dass wir es mit der "Barszene" absolut ernst meinen. So ganz behaglich ist ihr bei dieser Vorstellung wohl nun doch nicht und gerade in den letzten Wochen befürchten Uwe und ich, sie könnte doch noch einen Rückzieher machen. Als sich vor einigen Wochen der Drehtermin für den 22. Februar konkretisiert, stellt Bianca zu unserer Erleichterung aber nur eine einzige Bedingung: Möglichst wenig Zuschauer sollen anwesend sein. Kurz zuvor legt sie uns auch ihre Interpretation von "Try to smile" vor. Es soll nicht die einzige Gelegenheit bleiben, bei der mir im Zusammenhang mit dieser Szene die Kinnlade herunterklappt. Ihre Version von "Try to smile" als gelungen zu bezeichnen grenzt schon an eine böswillige Untertreibung…

Um ihrem Wunsch zu entsprechen und die Gruppe möglichst klein zu halten, fehlt beim Dreh Stammteammitglied Henning und sogar einen Special Guest Star, ursprünglich als Gitarrist eingeplant, lade ich kurzfristig vorher (auch bedingt durch meine eigene Schusseligkeit) wieder aus (räusper…sorry noch mal, Sven!).

So finden sich am Samstag, denn 22 Februar nur Bianca, Kamerafrau Heike und meine Wenigkeit in Marcus Wischemanns Kneipe "Vorlesung" im Bochumer Studentenviertel ein. Technisch haben wir dort dank Beleuchtungsanlage einige Möglichkeiten für stimmungsvolle Bilder zu sorgen. So ist es dann auch die Ausleuchtung der Szene, die den größten Teil der Zeit in Anspruch nimmt. Als Bianca kurz vor dem großen Augenblick die legeren Jeans gegen ein sensationelles Abendkleid austauscht, klappen zum zweiten Mal Kinnladen herunter. Location und Outfit sind perfekt. Nun kommt es nur noch auf die Performance an. Endlich heißt es: "Nebel, Musik, und Action!"

Gebannt verfolgen vier Augenpaare Biancas großen Auftritt, den sie ohne jede Probe so gekonnt durchzieht, dass wohl jeder von uns ins Staunen gerät. Nicht weiter erwähnenswert, dass wieder Kinnladen durchhängen. Nachdem Bianca das ganze Programm für eine Nahaufnahme noch einmal absolviert, haben Uwe und ich einen Blick im Gesicht, wie ihn sonst wohl nur der Konsum illegaler Substanzen erzeugen mag. Unnötig zu erwähnen, dass wir hocherfreut, begeistert und entzückt sind.

Wir kommen zu dem Schluss, dass unsere Hauptfigur Sabinsky solchermaßen bezirzt das Lokal nun schweißgebadet und mit hochrotem Kopf verlassen müsste, während Dampf aus seinem Kragen aufsteigt. Auf entsprechende Änderungen im Drehbuch verzichten wir dann aber doch. Die kleinen Takes, die die Szene für mich und Markus als Barkeeper noch vorsieht, verblassen zu bedeutungslosem Beiwerk und sind innerhalb von kurzer Zeit abgeschlossen.

Von nun an zieht es uns magisch zurück an den Computer, um herauszufinden, ob die ganze Szene tatsächlich so funktioniert, wie sie uns seit Monaten durch den Kopf spukt. Noch während wir eilig Pizzen herunter schlingen wandert Bild für Bild vom Band auf die Festplatte. Und schon nach einer guten halben Stunde liegt die erste Schnittversion der Barszene vor, die wir mit offenem Mund und glasigem Blick betrachten.

Irgendwie haben wir viel Glück bei "Versuch zu lächeln". Hätte sich die Möglichkeit geboten statt Bianca eine hochgelobte und bekannte Jungschauspielerin aus den Reihen der Profis zu rekrutieren, so hätte ich der nach Biancas Performance im Höchstfall noch den Weg zum Ausgang gezeigt...

Alle unsere Darsteller haben sich mit großer Motivation und überraschendem Können am Dreh beteiligt. Aber auch hinter den Kulissen haben viele Leute viel Energie investiert. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei allen bedanken, die viele Stunden Arbeit in "Versuch zu lächeln" gesteckt haben. Leute, es ist vollbracht.

"Versuch zu lächeln" ist abgedreht und der geneigte Zuschauer darf auf das fertige Produkt mehr als gespannt sein…

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