Urheberunrecht
Vervielfältigen ist unmoralisch
von Thorsten Küper
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Ich
kann nicht länger mit der Schuld leben. Es ist mir unmöglich, auch nur
einen Tag länger über meine Verfehlungen zu schweigen. Doch darüber
zu reden, fällt mir deswegen nicht leichter, auch wenn es so lange her
ist. Fast hatte ich es vergessen, verdrängt, dieses düstere Kapitel
meiner Vergangenheit. Aber heute hat ein harmlos erscheinender Zeitungsartikel
über die gerade verabschiedete Novelle des Urheberrechts die Erinnerungen
an meine Missetaten zu neuem Leben erweckt. Mir schmerzhaft bewusst
gemacht, welche Schuld ich auf mich gen Nun gut, ich war jung und unerfahren, auch leichtsinnig, wie man es als junger Mensch eben ist. Es war zu einfach und ich konnte nicht widerstehen. Und obwohl ich es nie wieder tat, bin ich doch einer von ihnen. Ein Pirat, ein Plünderer, ein Ausbeuter jener edler Menschen, die es sich selbstlos zur Aufgabe gemacht haben, uns zu unterhalten: Musiker, Schauspieler, Künstler. Damals war ich mir meiner Schuld nicht bewusst. Es war in den frühen Achtziger Jahren. Jener Zeit als deutsche Popmusik plötzlich wie durch ein Wunder nicht mehr ein Widerspruch in sich selbst war, als Nena noch nicht Werbung für Schuhe und Fleckenzwerge machte, als noch niemand ahnte, dass sie von allen damals so berühmten deutschen Musikern die einzige sein würde, deren Namen man auch im Jahr 2003 noch kennen würde. Dann wenn niemand mehr wissen würde, wer Trio, Ideal, Extrabreit, Hubert Kah, UKW, Spider Murphy Gang, Neon Babys und wie sie sonst noch alle hießen waren, geschweige denn, dass sie jemals existiert hatten. Ich, meine Generation, wir alle waren so furchtbar arrogant und es ist unsere Schuld, dass man sie vergessen hat. "Schlagerrally", "Mal Sandocks Hitparade" und "Solid Gold" machten es uns viel zu leicht. Mit der Eiseskälte japanischer Walfänger bin ich damals über die Werke talentierter Künstler wie "Trio" hergefallen, habe sie erbarmungslos durch den Äther gejagt und sie, sobald ich sie gestellt hatten, rücksichtslos und egoistisch an mich gerissen. Gebannt auf leeren Audiokassetten, viel schlimmer noch auf Mutters Peter Alexander Kassetten, deren Überschreibschutz ich mit krimineller Energie mittels Tesafilm außer Gefecht gesetzt hatte. Wenn ich daran denke, was ich auf diese Weise meiner Mutter, Peter Alexander und den hoffnungsvollen Jungstars angetan habe, ekle ich mich vor mir selbst. Ich, und viele andere aus meiner Generation, wir sind für das Aussterben der neuen deutschen Welle verantwortlich. Gnadenlos wie japanische Fischer das Walfangabkommen, ignorierten wir das Urheberrecht. Schufen Kopien und Kopien von Kopien, duplizierten so nicht nur Kunst, sondern Straftaten und waren so schlussendlich für die Stars der neuen deutschen Welle, was ein Meteorit für die Dinosaurier gewesen war. Denn wer hätte ihre Musik noch kaufen sollen?
Sehe ich heute am Bahnhof einen Obdachlosen, frage ich mich unwillkürlich:
War er einer Meine Schuld wiegt schwer. Aber ich bin stolz, eines sagen zu können: Ich habe gelernt. Ich werde nie wieder das Urheberrecht ignorieren. Ich werde bereitwillig 17 € für eine schlechte CD, 10 € für einen schlechten Kinofilm und 22 € für ein dünnes schlechtes Taschenbuch zahlen, weiß ich doch, was Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Musiker und Autoren für Taschengelder leisten. Kunst an sich soll nicht länger brotlos bleiben und ich bin kompromisslos bereit, dazu als Konsument meinen kleinen Beitrag zu leisten. Kann ich nicht so allein durch Einhaltung des Urheberrechtes selbst ein Teil der Kunst werden? Ist das nicht ein großartiges Ideal? Ich denke ja. Aber ich bin einer der wenigen, die das erkannt haben. Denn es graut mir, sehe ich die junge Generation, die die alten Fehler wiederholt, nichts gelernt hat aus der Erbsünde ihrer Eltern. Ihre Fanggründe sind nicht länger der Äther, nein, sie wildern noch präziser und erbarmungsloser in den Weiten des Cyberspaces und weder Literatur, noch Musik, Filme oder Software sind vor ihrer maßlosen Gier sicher. Ohne über ihr tun nachzudenken vernetzen sie ihre Festplatten, vervielfältigen exponentiell ihr Diebesgut abseits jeder Moral per Filesharing. Jedes Urheberrechtsbewusstsein ist ihnen fremd. Denn sie wissen nicht, was sie tun… Es ist wie damals. So leicht. Es geht so schnell. Du musst nicht in ihre traurigen Augen sehen, nicht die Blicke deiner Opfer ertragen. Jener zahllosen, namenlosen Musiker, Schauspieler, Regisseure und Produzenten, die du um ihren Erfolg, ihr Werk und auch ganz nebenbei um ihre Tantiemen betrügst. Du trägst die Schuld daran, dass sie aussterben werden, die Arnold Schwarzeneggers, die Madonnas, die Spielbergs und all die anderen bedrohten Arten von Künstlern, die doch nur eines tun: Um ihr Überleben kämpfen. Darum hört mich an: Erst wenn der letzte Schauspieler sich weigert eine Rolle anzunehmen, weil man ihm eine Gage unter 20 Millionen Dollar bietet, erst wenn der letzte Produzent sein Geld zurückzieht, weil er keinen Profit von 200 Prozent mehr machen kann, erst wenn der letzte Popstar in den Armen seines treuen Managers stirbt und dabei flüstert: "Begrab meine goldenen Schallplatten an der Biegung des Flusses", erst wenn der letzte Bestsellerautor zum Legastheniker geworden ist, weil man ihm keinen Vorschuss von 5 Millionen Dollar mehr für ein Buch zahlen will, dass er erst in drei Jahren schreibt, erst dann werdet ihr begreifen, wie sehr ihr von der Kunst der Künstler anhängig seit. Deswegen widersteht der Verführung des Filesharings, der Lust des Peer to Peer. Petting statt downloading. Achtet das Urheberrecht so sehr wie das menschliche Leben. Es ist ein und dasselbe. Übrigens, wo ich gerade so viele Leser habe: Hat hier irgendjemand `ne Kopie von diesem neuen Film mit diesem Schiff, mit dem die sich in die Erde bohren? Ich finde nirgendwo `ne gescheite Version. Unmöglich so was, wozu hat man denn DSL? ENDE
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