Leseprobe

 

Eine Leseprobe aus "Sinzigs Arche":

"Der Körper des Alten lag unter einer durchsichtigen Plastikfolie, die den Blick freigab auf die dünnen, mit pergamentartiger Haut überspannten Knochen. Sein Kopf war völlig kahl, ebenso fehlten ihm Augenbrauen oder auch nur die leisesten Bartschatten. Auch der Körper war völlig unbehaart. Statt dessen mündeten Dutzende von Nadeln an dünnen Drähten in seinem Körper, ließen ihn ein wenig aussehen wie den von Liliputanern gefesselten Gulliver. Nur, dass dieser Gulliver völlig unterernährt aussah. Und er hatte eine lange Narbe auf seiner Brust, so wie sie bei einer Herzoperation zurückblieb.

Seit Jahren schon hatte niemand mehr den alten Sinzig zu Gesicht bekommen. Man munkelte über ihn, er sei selbst anläßlich des Balls an Bord niemals persönlich aufgetreten. Beim Anblick des Gerippes auf dem Bett überraschte das Marburg nicht.

"Man hat ihm den Stecker rausgezogen...", stellte Hedberg noch einmal fest. Marburg hatte nicht damit gerechnet, dass Hedberg das so wörtlich gemeint hatte. Aber auch ihm war nicht entgangen, dass die vermutlich lebenserhaltenden Geräte hinter dem Bett nicht eingeschaltet waren, obwohl das Licht an der Decke brannte. - Das Schlimmste waren seine Augen. Weit aufgerissen, in jähem Entsetzen, das Gesicht im Augenblick des Todes zu einer Grimasse gefroren. Er glotzte sie an, als wären sie beide die Assistenten des Sensenmannes.

"Der amerikanische Präsident ist sein Neffe", bemerkte Hedberg.

"Hat ihm nicht viel genutzt."

Hedberg nickte. "Ich schätze, irgendwie sah dieser Bursche schon verdammt tot aus, bevor er es eigentlich war."

Marburg sah sich um. Neben dem Bett stand ein Stuhl. Die Sitzfläche und der Boden darunter waren mit Blut besudelt. "Ihr habt die Frau auf dem Stuhl gefunden?"

Hedberg nickte.

"Sonst niemanden?"

Hedberg schüttelte, immer noch auf Sinzig starrend, den Kopf. "Der Mann ist eine Legende."

"Alle Legenden berichten über Tote." Marburg verzog verächtlich den Mund.

"Die Frau hat versucht, etwas zu sagen. Hast du verstanden, was es war?"

"Es machte keinen Sinn..." Hedberg hob die Schultern. "Etwas von einem Trommler. Ich weiß nicht, was sie damit meint." Hedberg wiederholte wortgenau, was auch die Ärztin gesagt hatte.

"Und wer ist dieser Trommler?" Marburg erwartete nicht wirklich eine Antwort von Hedberg.

Der hob noch einmal die Schultern. "Vielleicht ein Passagier, der mit dem Service unzufrieden war?"

"Wenn er nicht kurz aufgestanden ist, auf sie geschossen hat, die Waffe verschwinden ließ und es sich dann wieder bequem gemacht hat, dann hat er ihr die Kugel wohl nicht verpasst. Er sieht nicht mal so aus, als hätte er noch einen Löffel selber heben können, geschweige denn eine Waffe." Marburg kniete nieder, schaute unter das Bett, auch dort war nichts. Noch kniend schaute er sich um. In der Ecke des Raumes rechts neben der Tür verriet eine kleine Glaskuppel die Anwesenheit einer Kamera. "In diesem Schiff ist nichts unbeobachtet geblieben. Wir müssen nur herausfinden, wohin die Aufzeichnungen gelaufen sind... Sucht danach - falls sie nicht gelöscht sind, haben wir unsere Täter."

Er glaubte nicht wirklich daran, dass es so einfach sein würde. Wenn jemand es schaffte, sich von diesem Schiff ohne Hilfe der Besatzung abzusetzen, dann musste er sich hier auskennen. Und dann würde er möglicherweise auch daran gedacht haben, den wichtigsten Hinweis auf seine Identität zu vernichten.

"Ist schon merkwürdig." Hedberg schüttelte unentschlossen den Kopf. "Die Frau kam mir bekannt vor..."

"Der Lotse sagte dasselbe über einen der Toten unten im Ballsaal. Vielleicht Prominente?"

"Kann sein. Ich hab ihr Gesicht schon mal gesehen." Hedberg kraulte sein Doppelkinn. "Weiß der Schinder..."

"Spätestens nach dem Netzhautscan wissen wir, wer sie ist."

Marburg spürte, dass Hedberg mit etwas hinter dem Berg hielt - er kannte ihn lang genug. "Was?"

Hedberg schnaubte. "Auf dem obersten Deck gibt es noch etwas, das du unbedingt sehen solltest. Und da ist noch was anderes."

"Ja?"

"Wir müssen Leute abziehen. Mehr als die Hälfte. Hier bleiben uns fünfzehn Mann. "

Marburg wusste, was Hedberg damit andeutete. "Es geht los..."

"Bis jetzt sind es nur einige Dutzend am Bahnhof", entgegnete Hedberg in einem beschwichtigenden Tonfall, als würde das die Gefahr verringern.

Natürlich, so ging es immer los. Sie an den Aufmärschen vor dem Bahnhof zu hindern, hatte sich als schlechte Taktik erwiesen. Dann begannen sie nämlich sofort, in der Stadt zu randalieren, und das machte es noch schlimmer.

Er stierte an Hedberg vorbei. "Und jetzt werden es jede Stunde mehr. Exponentiell. Wir wissen, was passiert. Morgen sind es fast hunderttausend."

Es würde wieder auf den Plakaten stehen. Karl starb auch für dich. Es stand immer darauf. Seit elf Jahren.

Und nur wenige, selbst bei der Polizei, wussten, dass er, Marburg, jenen Karl erschossen hatte, zu dessen Ehren alljährlich Brände gelegt und Straßenschlachten angezettelt wurden.

Irgendwie vermieste ihm das den Tag.

Jeden Tag."

 


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