"Schafe blicken auf"

John Brunner

Heyne

19,90 DM

(zurück zur Buchauswahl)

 

Cyberpunk! Was ist das eigentlich? Ach ja, diese Cyberspacegeschichte nicht? Stecker in den Kopf und der Geist steckt mitten im Internet.

Cyberpunk ist wohl erst einmal ein Modebegriff, der eigentlich schon vor einer ganzen Zeit wieder aus der Mode gekommen ist. Als seine Erfinder werden vor allem Bruce Sterling und William Gibson verkauft, obwohl ihre Ideen wohl gar nicht so völlig neu waren. In ihren Romanen und Kurzgeschichten ist jedoch zum ersten Mal vom Cyberspace, b.z.w. auch "der Matrix" die Rede (zumindest Gibson verwendet diesen Begriff wesentlich öfter).

Meiner Ansicht nach macht den Cyberpunk aber viel weniger irgendwelches Gefasel über Cyberware und Cyberspace und Computerviren aus, als die Darstellung einer ziemlich beschissenen Zukunft - ohne ein totalitäres Regime wie bei Orwell, oder ein völlig glücksvernebeltes Scheinutopia wie bei Huxley.

Science Fiction war ursprünglich die Domäne der Technologiegläubigen, die in Wissenschaft und Technik auch den Segen der Menschheit sahen. In Star Trek findet man beispielsweise noch sehr viel vom alten Technikpositivismus. Da werden Probleme gelöst durch den menschlichen Geist und segensreiche Maschinen. Alles ist geometrisch, sauber, kontrollierbar. Demgegenüber sind Technologie und Wissenschaft im Cyberpunk selten die Lösung des Problems, meistens jedoch dessen Ursache. Technologie ist hier schmuddelig, dreckig, menschenverachtend und obszön, sie versklavt den Menschen, macht ihn überflüssig oder abhängig! Die Welt eines Cyberpunkromanes sollte außerdem einer möglichst realistischen Extrapolation unserer Gesellschaft in der Zukunft entsprechen.

In seinem Roman "Schafe blicken auf" beschreibt John Brunner die Welt zur Jahrtausendwende, eine chaotische von Umweltzerstörung und Kriegen vernarbte Erde, die sich gerade noch über die Jahrtausendgrenze schleppt, bevor sie erschöpft zusammenbricht (wenn man so will, also ein sehr zeitgemäßes Buch!). Und vergleicht man mit unserer obigen recht vagen Definition so erfüllt "Schafe blicken auf" die Grundkriterien eines Cyberpunkromans. Wer jetzt allerdings einen Roman mit einer deutlich umrissenen Geschichte mit einigen wenigen Hauptdarstellern erwartet, die den klassischen Spannungsbogen aufbaut, der sollte lieber die Finger davon lassen.

Der Roman beschreibt in einer Folge von Einzelszenen ganz unterschiedliche Geschichten völlig unterschiedlicher Menschen, deren Leben auf irgendeine Art miteinander zu tun haben. Als Handlungsgerüst dient die Entwicklung der Welt selbst. Dazwischen werden drehbuchartig geschriebene Interviews eingefügt, Zeitungsartikel und höhnische Werbespots, deren Heilsbotschaft gerade im Kontrast zu den Nachrichten aus einer sterbenden Welt ganz besonders zynisch klingen (wie im Leben eben, wo auf die Kriegsberichterstattung aus dem Kosovo ein Shampoowerbespott folgt!). Die Details machen die Musik: Sauerstoffspender mit Münzeinwurf an jeder Straßenecke, ein kleines Unternehmen, das Trinkwasserfilter für das ansonsten unbrauchbare Leitungswasser anbietet, u.s.w. John Brunner erfindet keine Katastrophen von kosmischen Ausmaßen, um den Untergang der Welt zu beschreiben.

"Schafe blicken auf", ist wie ein Blick in eine Tageszeitung in der Nachrichten stehen, die nur eine Idee schlechter sind als üblicherweise. Und das jeden Tag! Eine vergiftete Nahrungsmittellieferung in die Dritte Welt die zu Gewaltexzessen unter der Bevölkerung führt, illegal ins Meer entsorgte Chemiewaffen, die nun die Ozeane verseuchen, Bombenanschläge militanter Umweltschützer, desillusionierte Jugendliche, die eine Deponie mit vergifteten Nahrungsmitteln stürmen, um das Zeug zu essen und so den "ultimativen Trip" zu erleben!

"Tja, da haben wir ja noch mal Glück gehabt", sagt man sich. Gleich darauf fragt man sich jedoch: "Und wann sind wir dann soweit?"

John Brunner hat vielleicht ein bißchen zu schwarz gesehen. Aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. "Schafe blicken auf" bietet keine simple, spannende Geschichte. Darum scheint es John Brunner auch gar nicht gegangen zu sein. Was er hier entworfen hat, ist vielmehr ein sehr überzeugendes Bild der Zukunft aus der Perspektive der frühen Siebziger - und leider auch immer noch ein sehr überzeugendes Bild der Zukunft aus der Perspektive der späten Neunziger.

 

(zurück zur Buchauswahl)