Es war schon cool...

 

von Thorsten Küper

 

Als Physiker sollte einem in Anbetracht des Bochumer Radoms wohl irgendwas Wissenschaftliches durch den Kopf gehen. Immerhin stehe ich hier vor einer der Empfangsstationen, die 1969 von der NASA zur lückenlosen Überwachung der Mondflüge zu einem globalen Netzwerk zusammengeschaltet worden waren - und das hier, mitten im Ruhrpott. Statt dessen beschränke ich mich gedanklich auf ein lang gezogenes "coooooooooool", während ich ehrfürchtig feststelle, dass die von den Bochumern liebevoll als Kap Kaminsky bezeichnete Kuppel aus der Nähe betrachtet bei weitem nicht so provinziell aussieht, wie ich befürchtet habe. Ja, das ist genau das richtige Ambiente für eine Science Fiction Lesung, sage ich mir und genau deswegen bin ich heute auch hier.

Mike Hillenbrand, Hintermann des Corona-Magazins - das er im Lauf des Abends immer wieder erwähnen wird, freilich nur dann, wenn er gerade nicht über sein Buch spricht - hat, wie er mir erzählt, anlässlich einer Feier im Radom die Idee gehabt, dass dies hier genau das richtige Set für ein Science Fiction Event wäre. Damit ist er übrigens nicht der erste, denn auch Uwe Post und ich hatten schon vor geraumer Zeit denselben Einfall. Tatsächlich erzählt man mir später, dass bisher noch nie jemand im Radom eine solche Lesung gemacht hätte. Kein Wunder eigentlich, denke ich, denn anscheinend hat von den drei Autoren, die wir in Deutschland sonst noch haben, noch keiner den Drang verspürt, mitten in der Bochumer Walachei zu lesen -ohne zu ahnen, was er dabei verpasst.

Draußen ist das Radom cool, drinnen wird es cooler. Das liegt nicht nur an der wirklich abgefahrenen Luftschleuse, die man passieren muss, um ins Innere der Kuppel zu gelangen. Die wird nämlich nicht etwa durch eine Stahlkonstruktion gehalten - die die Radioschüssel abschirmen und so unbrauchbar machen würde - sondern allein durch erhöhten Luftdruck. Wer in die Schleuse eintreten will, muss erst eine Klappe aufdrücken und so den Luftdruck an den Außendruck anpassen. Innen tut man dasselbe noch mal, um die Schleuse auf das in der Kuppel herrschende Druckniveau zu bringen. So kommt nicht nur Druckgefühl in den Ohren auf, sondern gleich auch das passende Spacefeeling. Ich fühle mich tatsächlich an eine Szene aus meiner Story "Neum…" erinnert.

Im Radom selbst erwartet den Besucher neben der imposanten 20 Meter durchmessenden Radioschüssel eine Ausstellung zum Thema Raumfahrt und Ökologie. Gleich zwei Mondautos parken hier und ich überlege, mit welchem davon man wohl die Apollomondaufnahmen gestellt hat. Die Frage verkneife ich mir allerdings, während ich mich kurz Thilo Elsner und Nicole Sehrig vorstelle, die uns den heutigen Event ermöglicht haben. Cool ist das Radom leider auch, weil es drinnen dank plötzlich abgesackter Außentemperaturen - und das im Novemberspätsommer, man kann sich auf nix mehr verlassen - etwa so kalt wie einem Kühlhaus geworden ist. Die Heizung im Vortragsraum erweist sich glücklicherweise als sehr wirkungsvoll. Ein Umstand, dem wir wohl zu verdanken haben, dass sich Mike Hillendbrand und Christian "Prospero" Spliess bei meinem Eintreffen noch nicht in tief gefrorene Langzeitraumreisende verwandelt haben.

Es ist kurz nach 15 Uhr und bis zum Beginn der Veranstaltung um 19 Uhr bleibt noch einiges zu tun. Mike und Christian werkeln an der Verkabelung, während ich mich dann und wann am Podium warm rede - was eigentlich nicht nötig ist, denn als Lehrer rede ich seit fünf Jahren ohne Unterbrechung mindestens 6 Stunden am Tag in Vortragslautstärke und oft auch noch wesentlich lauter. Zwischenzeitlich kann ich es mir nicht verkneifen, Mike Hillenbrand gegenüber augenzwinkernd zu erwähnen, dass ich Star Trek hasse - ein Risiko, denn Mike wird heute erstens sein inoffizielles Star Trek Buch "Dies sind die Abenteuer…" vorstellen und ist zweitens ungefähr einen Meter größer als ich. Er nimmt es gelassen, versucht gelegentlich Missionsarbeit zu leisten, gibt den Versuch aber auf, als er einsieht, dass ich selbst Kenner der Materie bin.

Was uns in den nächsten Stunden bevorsteht, ist die obligatorische Zerreißprobe für Autorennerven - okay so ganz stimmt das nicht. Ich hab`s nur so formuliert, damit der Text etwas spannender wird. Aber kribbelig sind wir schon, denn noch wissen wir nicht, ob irgendjemand außer uns zum Radom kommen wird. Wenn es um Science Fiction Stories geht, muss man leider damit rechnen, dass Sitze auch mal leer bleiben.

Zwischen 17 und 18 Uhr hole ich noch schnell zwei gute Freunde ab - oder wie ich auch gern sage: Das künstliche Publikum. Nur für den Fall, dass sich keine freiwillige Zuhörer einfinden und wir auch mit Waffengewalt nicht genug "Begeisterte" zusammentreiben können.. Als wir kurz vor sieben wieder am Radom ankommen, scheinen sich meine Befürchtungen zu bewahrheiten. Der Parkplatz sieht ungefähr genau so aus, wie um 15 Uhr: leer.

Dann Erleichterung: Immerhin haben sich in der Kuppel die ersten Zuhörer eingefunden. Auch die angekündigten Mitautoren sind mittlerweile eingetroffen. Hände werden geschüttelt, ein bisschen Small Talk gemacht, es werden Witze gerissen - und dabei sehen sich die Stars des heutigen Abends immer wieder unauffällig um, zählen insgeheim, wie viele Besucher denn nun gekommen sind. Um 19 Uhr sind es vielleicht gerade zwanzig. Doch Mike bleibt optimistisch. Das Radom liegt nicht gerade zentral, ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen, und das eine oder andere Navigationssystem scheint seinen Fahrer zu fragen, ob er wirklich da hin will - übrigens auch der erste Satz meiner Lesung: "Und sie wollen wirklich dahin?"

Wir beschließen, den Beginn der Veranstaltung um 20 Minuten zu verschieben, warten auf die Menschenmasse, die sich endlich draußen vor der Schleuse versammelt. Sie kommt nicht. Nein, die oft beschworene Völkerwanderung bleibt aus… Das ist auch gar nicht nötig, denn nach und nach plätschern immer mehr Zuhörer in den Vortragsraum und um 19.30 Uhr sind die Tische beinahe komplett besetzt. Alles in allem haben rund 50 Leute heute Abend den Weg ins Radom gefunden. Publikum, das wir nicht länger warten lassen wollen.

Den Anfang macht Frank Hebben mit seiner Story "Fromme Küchengeräte". Damit liefert er gleich ein humoristische Highlight, auf das er gemeinsam mit Uwe Post in der szenischen Lesung "Das wird teuer" noch einen draufsetzt. Anschließend liest Uwe Post seine mit dem William Voltz Award ausgezeichnete Story "edead.com" - für mich eine der besten Geschichten, die er je geschrieben hatte, wirklich ein echter Brüller angereichert mit erlesenstem Zynismus und schwarzem Humor.

Das Trio Infernal wird mit meiner Person komplettiert. Passend zum Weltraumambiente habe ich mich schon vor Wochen entschlossen, eine ältere Geschichte zu lesen. Leider reicht die Zeit nur für einen Ausschnitt von "Neum…", die im c`t Magazin erschienen ist. Im Hintergrund läuft dabei eine Computeranimation, die Ludger Otten noch in der letzten Woche für mich angefertigt hat. Auch meine Lesung geht glatt über die Bühne, etwas unzufrieden bin ich nur, weil ich versäume, den Zuhörern vorher einige Informationen über die Hintergrundgeschichte meines Textausschnittes zu geben.

Nachdem sich das Publikum eine halbe Stunde mit Speis und Trank gestärkt hat, ist Niklas Peinecke an der Reihe. Auch er hat sich heute Abend für eine humorvolle SF-Story entschieden und trägt "Ding und das Tank-Mädchen" vor. Eine Geschichte, die definitv gut ankommt.

Natürlich lässt es sich Mike Hillenbrand, der den heutigen Abend organisiert und moderiert nicht nehmen, auch ausführlich über sein Buch "Dies sind die Abenteuer von…" zu berichten. Er trägt, wenn ich das richtig verstanden habe, aber keine Ausschnitte daraus vor, sondern zwei Anekdoten über Interviews die auf Star Trek Conventions geführt hat. Definitiv nicht mein Metier, trotzdem mit ein paar interessanten Einblicken ins Congeschehen - wo einige Darsteller manchmal nicht zögern, den erleuchteten Fans, die nackte Wahrheit ins Gesicht zu sagen: "Die Star Trek Macher wollen eure Kohle, das ist alles."

(Trifft übrigens auch auf deutsche SF-Autoren zu, meine Kontonummer steht am Ende des Textes. Man darf mir aber auch gern Laptops oder andere Hardware zusenden.)

Die Science Fiction Lesungen rundet Achim Hiltrop schließlich mit zwei Ausschnitten aus "Rettungskreuzer Ikarus" ab. Achim erweist sich als hervorragender Leser. Dabei hat er dasselbe Problem wie ich, muss er sich doch auf zwei kurze Auszüge beschränken.

Den Abend klingt aus bei einem Vortrag von Thilo Elsner und Nicole Sehrig über die Arbeit der Sternwarte Bochum, bei dem die beiden Bilder aus dem Weltall präsentieren. - offen gestanden bin ich zu diesem Zeitpunkt aber schon auf dem Weg nach Hause - mit dem guten Gefühl, dass wir eine coole Show geboten haben. Daran habe ich keinen Zweifel.

Gedanken mache ich mir jetzt gerade über eine ganz andere Sache. Wer sich im Radom umschaut, findet dort ein komplettes kleines Stück Mondlandschaft. Irgendwie überkommt mich gestern in der Pause beim Anblick der alten Kulisse ein seltsames Gefühl Dieser Schuhabdruck im Plastikmondstaub sieht genau so aus, wie der, den Neil Armstrong angeblich auf dem Erdtrabanten hinterlassen hat. Was, wenn die damals gar nicht auf dem Mond waren? Was, wenn die das ganze nicht mal in der Area 51 inszeniert haben, wie viele glauben? Könnte es sein…ich meine, ist es wirklich ausgeschlossen, dass die ganze Mondlandung nicht in irgendeinem Hangar in irgendeiner Wüste gedreht wurde. Nicht mal in den USA, sondern genau hier, im Ruhrpott, in Bochum, unter der Kuppel des Radoms? Kurz bevor ich in mein Auto steige, um mich auf den Heimweg zu machen, tippt mir ein kleiner, dünner alter Mann auf die Schulter und grinst mich an. "War lange nicht mehr so viel los hier. Nicht mehr seit 69. Da wimmelten plötzlich Amis hier rum. Erinnere ich mich gut dran. Vor allem an diese drei Piloten. Sind immer rüber ins "Fässchen" gekommen. Echt trinkfeste Jungs. Wir konnten ja alle kein Englisch, aber die drei konnten echt was verpacken, sangen schmutzige Lieder mit, obwohl sie nicht wussten, worum`s geht. Und dann ham sie immer auf den Mond gezeigt. Ham sich dabei halb tot gelacht. Der Niel, der Meikel und der Edwin, ja das war`n schon drei Nette. Man ist das lange her. Sind sie auch son Sternmensch?" Ich gaffe ihn mit offenem Mund an, schüttele langsam den Kopf und er fragt mich, ob`s mir nicht gut geht. Eine Minute später ist er in der Dunkelheit verschwunden.

Na gut, ich geb`s zu:

Den Alten habe gerade ich erfunden, ebenso seine nostalgischen Erinnerungen ans "Fässchen" und die drei Amis. Man ist eben Autor. Aber wer weiß. An einem so coooooolen Abend könnte eigentlich alles möglich sein.