Lesung auf dem Dortcon 2005
von Thorsten Küper
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Also
gut, ich geb`s zu. Ich habe meinen Text vergessen.
Mitten
im Samstagnachmittagsverkehr trifft mich diese Erkenntnis wie ein wuchtiger
Glockenschlag im großen Hohlraum zwischen meinen Ohren. Hätte Martina
nicht irgendwas von einem Kollegen und seinen Texten erzählt, wäre es
mir wahrscheinlich erst vorm Publikum aufgefallen, just in der Sekunde,
in der ich versuche, eine nicht vorhandene Mappe mit meiner Story aufzuschlagen.
Meine gerade noch völlig entspannte Anreise zum Dortcon 2005 geht damit
direkt in eine sehr eilige und Aber mal ganz ehrlich: Welcher erfolgreiche Schriftsteller, muss sich auch schon selbst darum kümmern, seine Klamotten beieinander zu halten. Wo sind meine Lakaien? Na? Wird`s bald? Ich will Assistenten, Berater, Manager, Catering-Service. "Herr Küper, es ist nirgendwo Beluga Kaviar aufzutreiben, ich bin untröstlich." "WAAAASSS? Ich kann so nicht arbeiten." Nachdem ich mich noch einmal vergewissert habe, dass ich zumindest eine Hose trage, breche ich zum zweiten Mal an diesem Tag nach Dortmund auf. Auf
dem Con eingetroffen erhalte ich zunächst eine jener praktischen Anstecknadeln,
mit denen man sich gleich als VIP fühlt. Echt harte Autoren aus der
Gothic-Szene jagen sich das Ding - behaupten zumindest Gerüchte - immer
direkt durch die Brust, ich verzichte allerdings darau Zeit ins erste Fettnäpfchen zu treten. Ah prima, eine Gelegenheit ergibt sich schnell, als ich Gabriele Reinecke begegne, die ich bereits von einer Lesung in Düsseldorf her kenne. Ich begrüße sie mit Handschlag, genau wie einen mir irgendwie bekannt vorkommenden Mann neben ihr. "Klaus", stellt er sich knapp vor und wie es mir so in Sinn kommt, frage ich nach: "Klaus und weiter?" "Klaus Schminanski", entgegnet er. Toll, damit ist es mir mühelos gelungen, einem der Ehrengäste des Abends das Gefühl zu vermitteln, er hätte sich gefälligst bei mir vorzustellen. Dabei kenne ich seine Bilder und schätze sie auch. Peinlich, peinlich, aber von Illustratoren und Grafikern weiß man meistens ebenso wenig wie von Autoren, wie sie eigentlich aussehen. Die
Lesung findet im so genannten Holodeck statt. Hinter dieser hochtechnischen
Bezeichnung verbirgt sich ein schmuckloser Raum ohne Mikrofone und Lautsprecher,
gerade noch nicht zu groß, um auch die letzte Reihe mit unverstärkter
Stimme zu erreichen. Bereits anwesend ist Bernhard Kempen, kurz nach mir trifft auch Michael Iwoleit ein. Insgesamt stehen uns gerade mal zwei Stunden Lesezeit zur Verfügung. Für die Zuhörer eine ziemlich Strecke, für uns ein sehr knapper Zeitraum, da wir alle dazu neigen, recht ausufernde Geschichten zu schreiben. Also einigen wir uns darauf, dass jeder etwa 35 Minuten Zeit hat und die anderen beiden kontrollieren, dass er sein Limit nicht überschreitet. Den
Anfang macht Michael mit einer Story, die ich als Cyberpunk bezeichnen
würde. Nicht umsonst weist er daraufhin, dass der Konsum von etwas Bier
für ihn während des Lesens unverzichtbar sei. "Anders halte ich die
vielen fiesen Szenen nicht durch", erklärt er und ich frage nach, ob
er die Flasche im Zweifelsfall auch mal rüberreichen könnte, was er
prompt tut. Über Michaels Story will ich, außer, dass sie mich sehr
angesprochen hat, nicht zuviel verraten. So wie er sagte, wird sie in
der nächsten Ausgabe von NOVA erscheinen. Mittendrin unterbricht ein
Anruf auf sein Handy den Vortrag und ich erwarte fast zu erleben, wie
er das Gespräch entgegen nimmt. Das Nachdem Michael Iwoleit die Lesung bereits mit Cyberpunk der härteren Gangart eingeleitet hat, setze ich diese Linie mit meiner Story "Parasiten", erschienen im letzten Jahr in c`t fort. Ich kann nicht leugnen, dass es mir großen Spaß macht, diesen Text mit seinen doch sehr zynischen Dialogen vor Publikum zu lesen. Mittlerweile haben sich übrigens gut zwei Dutzend Gäste versammelt, was für Lesungen im SF-Bereich durchaus ein guter Schnitt ist - außer man heißt Andreas Eschbach ;-). Während ich lese ertappe ich mich dabei, mehr und mehr ins Spielen zu geraten und muss mich selbst zwingen, Handbewegungen, die im Text beschrieben werden, nicht selbst auszuführen. Beinahe gelingt es mir, meine Story ganz zu lesen, doch das endgültige Finale will dann leider nicht mehr ganz in unseren Zeitplan passen. Es ist aber auch gar nicht der Sinn einer Lesung, die Geschichte komplett zu hören. Es geht doch eher darum, zu sehen, wie der Autor sie interpretiert. Zumindest sehe ich das so. Nun
liegt es an Bernhard Kempen unser Publikum weiter zu fesseln. Dazu schlägt
er nach all den Mag sein, dass ich nach Bernhards Lesung irgendwie besonders aufmerksam bin. Wahrscheinlich bilde ich mir nur ein, dass einige männliche Besucher nur sehr zögerlich aufstehen? Insgesamt eine wirklich schöne Lesung, die wahrscheinlich nicht nur uns Schriftstellern, sondern auch den Zuhörern Spaß gemacht. Ich freue mich aufs nächste Mal. Und danke für die schönen Bilder, Martina ;-). |