Nova, Sex und Bier - Gedanken nach dem Coloniacon 2006

 

von Thorsten Küper

 

Wer Freunden oder Kollegen gegenüber erwähnt, er würde am Wochenende einen Con besuchen, erntet in der Regel verständnislose Blicke oder uninteressierte Rückfragen. Erklärt man, dass damit eine Convention gemeint ist, erreicht man damit beim Gegenüber meist auch nicht mehr, als hilfloses Achselzucken. Fragt man dann schon etwas entnervt nach, ob der Andere

An der Theke

wenigstens "Star Trek" kennt, folgt endlich erleichtertes Nicken und mit einem verständnisvollen Lächeln wird gefragt: "Ah, du bist auch einer von denen, die gerne diese Uniformen tragen?"

Schon an dieser Stelle wird deutlich, wo das Problem der deutschen Science Fiction Szene liegt. Doch dazu später noch etwas mehr.

Was ist so eine Convention denn nun eigentlich? Für das Wort gibt es sogar eine Entsprechung im Deutschen: Konvent, abgeleitet vom lateinischen konvenire, dem "zusammenkommen", ein Begriff, der - ausgerechnet - fast ausschließlich im klerikalen Bereich verwendet wird. Gemeint ist ein Treffen von Angehörigen eines Ordens. Die Zusammenkunft also von Mitgliedern einer weltabgewandt lebenden Gruppierung. Eine Beschreibung die irgendwie auch auf die Fans zutrifft, die sich auf Conventions tummeln. Immer wieder findet man sie dort. Offensichtlich etwas isoliert lebende Einzelindividuen mit schrägem Lebensstil, die ganz in einer Zwischenwelt, irgendwo in der Mitte von alltäglicher Realität und dem Universum ihrer Lieblingslektüre aufgehen. Auf ihrem Dachboden stapeln sich Taschenbücher und Heftromane zu Tausenden, ihre Wände sind statt mit Tapeten mit Raumschiff-Rißzeichungen beklebt, obwohl ihr 12. Geburtstag schon 35 Jahre zurück liegt. Viele von ihnen sind begeisterte Kostümfetischisten, die sich beim Flanieren über die Korridore verwahrloster Jugendzentren und Gemeindehallen der Illusion hingeben, durch die Gänge des Todessterns zu marschieren, oder sich am Bierstand fühlen wie auf der Brücke der Enterprise. Auf etwas teureren Conventions wird der geneigte Fan von der Aussicht angelockt, hier seinem Idol endlich einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Da kommt es schon zu quasi religiösen Erlebnissen, begegnet man höchstpersönlich jenem Kleindarsteller, der in Folge 174 von Star Trek 20 Sekunden etwas unscharf schräg hinter Patrick Stewart zu sehen war. Science Fiction spielt nur am Rand noch eine Rolle, der Rest ist infantiler Personenkult, über den die Medien allzu gern berichten. Dieselben Sender, die den Äther mit SF-Serien fluten, pflegen das Image des
Die Nova-Kern-Crew

kindlichen Spinners in der zu engen Spielzeuguniform. Eilt dem SF-Fan in anderen Teilen der Welt der Ruf voraus, ein intellektueller High Tech-Kenner zu sein, stellt man sich hierzulande einen Sonderling mit Plastiklaserschwert vor, der im schlimmsten Fall glaubt, von Aliens entführt worden zu sein.

Natürlich gibt es da noch die literarischen Cons, auf denen sich endlich einmal alles um das Medium Buch dreht. Doch gerade sie führen ein absolutes Schattendasein, sind meist selbst dem interessierten Leser nicht bekannt, der drei oder vier SF-Taschenbücher pro Monat liest. Geht es dann noch um SF-Literatur aus der Feder deutscher Autoren, reduziert sich der Kreis potentieller Besucher so dramatisch, dass als Veranstaltungsort ein überdurchschnittlich großes Wohnzimmer völlig ausreichen würde.

Mein Verhältnis zu Conventions ist zwiespältig. Einerseits fühle ich mich dort unter Gleichgesinnten, finde mich unter Film- und Literaturfans selbst wieder, komme mir aber genauso oft vor, als wäre ich plötzlich auf irgendeinen exotischen Planeten teleportiert worden. Trotzdem fahre ich regelmäßig ein paar hundert Kilometer, um einen zu besuchen, freue mich meistens schon Monate vorher dort eine Lesung zu machen, seltsamen Gestalten mit aufgeschminkten Laserschusswunden zu b
Eine Muse...

egegnen, zwischen Ständen mit Fanreliquien herum zu schlendern und alten Freunden die Hand zu drücken.

Am Samstag war es mal wieder an der Zeit für so eine Zusammenkunft. Am Rheinufer fand der 17. Coloniacon statt. Nicht Filme, oder Rollenspiele stehen hier im Vordergrund, sondern vor allem die deutsche SF-Literaturszene. Verleger und Autoren der bekanntesten Heftromanserien und vieler kleiner Verlage treffen sich im Kölner Jugendpark in Köln-Deutz, stellen sich in Diskussionsrunden ihren Fans, verkaufen ihre Produktionen an kleinen Ständen. Aber literarische Conventions sind keine Buchmessen, gleichen eher Familientreffen, bei denen der Spaß im Vordergrund steht. Es wird gegrillt, gekickert, man stößt gern mit einem kühlen Blonden an und selbstverständlich wird an jeder Ecke gefachsimpelt. Die Grenzen zwischen Fans und Machern verschwimmen, man schielt auf die an die Brust gehefteten Namensschildchen, um herauszufinden, ob man gerade neben irgendeiner Szenegröße steht. Doch auch wenn sich die alten Recken der Heftromanszene die Ehre geben, Autoren von "Madrax", "Ikarus" oder "Perry Rhodan" anwesend sind und die Stimmung an der Theke und vor den Verkaufsständen gut ist, stimmt hier etwas nicht. Schaut man sich um, sind die Nachwuchsprobleme unübersehbar. Der Altersdurchschnitt hat sich mit viel Wohlwollen auf Mitte Dreißig eingependelt. Jungspunde, die sich für SF-Bücher begeistern sieht man keine mehr. Die Zukunft des Zukunftsgenres sieht finster aus - zumindest wenn es um die Buchform geht.

In diesem Jahr sind auf dem Coloniacon auch die Macher von NOVA mit einem Programmpunkt vertreten. Immerhin gilt es ein Jubiläum zu feiern, denn bald wird Ausgabe 10 des deutschen SF-Magazins erscheinen. Das existiert nun schon vier Jahre und hat

Andreas Nordiek,Martin Stricker,Michael Iwoleit,Florian Breitsameter

damit geschafft, was viele für unmöglich hielten. Science Fiction Magazine und Kurzgeschichtensammlungen finden traditionell wenig Absatz in Deutschland. Bei der von Horst Pukallus moderierten Diskussionsrunde am Samstag, zu der sich sowohl die Produzenten des Magazins, als auch einige Autoren eingefunden haben, geht es natürlich auch um die Frage, warum die Nachfrage nach deutscher SF und Kurzgeschichten im Besonderen so gering ist. Die möglichen Gründe dafür sind hinlänglich bekannt:

Der amerikanische Mainstream dominiert den Markt, es sind besonders Bücher zu Filmserien wie "Star Wars", "Stark Trek" oder zu Rollenspielen wie "Battletech", die hohe Verkaufszahlen erzielen. Anscheinend fällt es den Lesern schwer, sich auf neue Universen, neue Hauptpersonen einzulassen und deswegen trägt man literarische Scheuklappen, begrenzt die Vorliebe auf einen engen Korridor aus Trivialfastfood. Der Nachwuchs kann mit Büchern sowieso nicht mehr viel anfangen, konzentriert sein Interesse ausschließlich auf Filme und Computerspiele. Auch im Jahr 2006 genießt Science Fiction in Deutschland noch immer das Image, nur von Sonderlingen gelesen zu werden. Romane aus dem Genre wie Schätzings "Der Schwarm" oder Browns "Illuminati" finden reißenden Absatz, solange man den Leser mit der demütigenden Einsicht verschont, dass er da gerade Science Fiction liest - für viele Deutsche das Genre der Bekloppten.

Glücklicherweise vermiesen solche Analysen niemandem die Veranstaltung. Horst Pukallus, Michael Iwoleit, Helmuth

Uwe Post und Muse vor den Illus zu Nova 10

Mommers und Illustratorin Gabriele Behrend plaudern im Verlauf der Diskussionsrunde aus dem Nähkästchen und offenbaren intime Insiderinfos über NOVA - die man nicht alle ganz ernst nehmen sollte.

Bei der anschließenden Roomparty mit Catering - zwei Kästen Bier - sind die Zukunftssorgen ums Genre endgültig vergessen. Man begegnet manchem Autor und Rezensenten wie beispielsweise Andreas Nordiek, Martin Stricker oder Michael Schmidt zum ersten Mal persönlich, hört aus erster Hand, was gefallen oder nicht gefallen hat. Ich geselle mich zu einer kleinen Gruppe, die mit Helmuth Mommers und Horst Pukallus über die Bedeutung von Sex in der Science Fiction philosophiert. Für mich stets und überall ein extrem wichtiger Punkt. Helmuth Mommers muss sich von unseren mit angereisten Musen mal wieder ein paar Kommentare zum sexy Cover seiner Sammlung "Love, Sex und Cyberspace" anhören. Die Stimmung bei der NOVA- Party ist ansteckend gut und das gleiche scheint auch für den restlichen Con zu gelten. Einmal mehr sind die Phantasten unter sich und können sich ganz ihrem Faible fürs Irreale widmen.

Auf dem Weg nach draußen stosse ich sogar noch einige der oben erwähnten Jungspunde. Vertieft in das Spiel mit Magic Karten haben sie immerhin den Weg auf einen Literaturcon gefunden. Wer weiß, vielleicht greift der eine oder andere von ihnen ab und zu doch noch zu einem Buch.

Uwe Post, Frank Hebben, Horst Pukallus

Ganz nebenbei wird die Umgebung des Cons auch noch zum Drehort, als Uwe Post und ich dort einige Takes für den neuen Thunderbolt-Kurzfilm aufnehmen. Ein SF-Film, das versteht sich natürlich, den wir noch dieses Jahr fertig stellen wollen. In der Szene absolvieren übrigens Frank Hebben - ebenfalls Autor bei NOVA - und seine Muse Ellie einen Auftritt, nachdem Uwe Post und ich sie auf der Fete kurzerhand zwangsgecastet haben.

Für mich war`s insgesamt ein guter Tag und von hier aus noch mal viele Grüße an alle Macher, Leser und Fans des Genres. Der nächste Con kommt bestimmt.

 

 

 

 

Michael Schmidt, Uwe Post und Frank Hebben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Extrem cooler Perry Rhodan Spaceport