|
Deutsche Medien... sind unglaublich schnell. Gerade mal vier Jahre dauerte es, bis unsere Journalisten auf den seit 2003 öffentlich zugänglichen Avatarchat „Second Life“ aufmerksam wurden. Was folgte, war ein massiver medialer Hype um das kleine Virtuversum, der eine massive Populationsexplosion unter den deutschen Usern in Second Life auslöste - und einmal mehr für eine künstliche Goldgräberstimmung bei schnell zu begeisternden Jungunternehmern sorgte. Mittlerweile ist der ganz große Run wieder vorbei und die ersten Unternehmen ziehen sich ernüchtert und mit beleidigter Miene aus Second Life zurück. Immerhin eine Legende ist mittlerweile als solche entlarvt worden: Man wird in Second Life nicht reich und wenn, dann geschieht das mit exakt derselben Wahrscheinlichkeit, mit der es auch im realen Leben passiert – oder eher eben nicht. Für die echten Hardcoreuser wäre eine Entkommerzialisierung keine schlechte Entwicklung. Nachdem die New Economy Glücksritter und Immer-noch-Tellerwäscher das Spielfeld räumen bleiben vor allem die zurück, die in SL etwas anderes sehen, als eine Profitquelle: Nämlich einen Ort, um Spaß zu haben, Wünsche auszuleben – zumindest auf dem Monitor -, oder eine Plattform, um die eigene Kreativität umzusetzen. Annette Pohlke hat Lindens Virtuversum ein ganzes Buch gewidmet. Eines mehr könnte man boshaft sagen, nachdem mittlerweile eine ganze Reihe von Titeln zum Thema eiligst auf den Markt geworfen wurden. Bücher, deren Cover und Rückentexte keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es sich um simple Chatratgeber handelt, die genauso gut mit „Sex in Second Life in weniger als fünf Minuten“ betitelt werden könnten. Annette Pohlkes „Second Life – Verstehen, erkunden, mitgestalten“ hebt sich schon optisch von diesen Büchlein ab, wirkt es doch auf den ersten Blick mehr wie ein Software Fachbuch. Und genau so ist es wohl auch gemeint. In neun Kapiteln wird der Leser schrittweise in die Welt von Second Life eingeführt und erfährt dabei alles Wesentliche über den wohl bekanntesten Avatarchat der Welt. Wer gerade frisch im Tal der Ahnungslosen - in Second Life gibt es diesen Ort tatsächlich, er heißt aber Orientation Island – angekommen ist, wird mit Hilfe des Buches schnell die wesentlichen Grundfunktionen lernen können und in kurzer Zeit die ersten Lindens in der Hand halten. Nein, auch Annette Pohlke kennt keinen Trick, um aus Newbies Lindenmilliardäre zu machen, aber immerhin erfahren enthusiastische Neuuser hier, wie man auf Dancepads und Campingstühlen etwas Bargeld verdienen kann. Natürlich dürfen die obligatorischen Tipps zum Avatarfeintuning nicht fehlen. Pimp my Avatar nimmt auch bei Annette Pohlke verdient großen Raum ein. Klar, deswegen kommen die Leute ja auch her. Um etwas zu sein, was sie real nicht sind. Wer sich selbst so nicht nach dem eigenen Bild gestylt hat, der will natürlich auch das passende Häuschen dazu vorzeigen können. Das nötige Know How dazu findet sich in einem eigenen Kapitel über Miete, Grundbesitz und Hausbau. Wer einmal soweit ist, der will auch weiter hinter die Kulissen schauen. Kreativen Newbies wird nun ausführlich erklärt, wie man ein T-Shirt selbst herstellt – nein, man sollte hier keine neue Marktlücke wittern, jeder tut das - , wie man mit Qavimator eigene Animationen erstellt, wie man Gegenstände baut und schließlich auch das erste Skript schreibt. Genug Informationen um Neulinge wochenlang zu beschäftigen. Dabei bleibt selbstverständlich der Spaß nicht auf der Strecke. Auch diejenigen User, die Second Life betreten haben, um genau das zu tun, was die Medien am verruchten SL so schätzen, werden Informationen über das Nachtleben – und in Second Life ist viel öfter Nacht als in der Realität - finden. Dabei hebt Annette Pohlke nicht den moralisierenden Finger, sondern gibt lieber handfeste Tipps, wo man die fehlenden Teile der männlichen und weiblichen Anatomie möglichst lebensecht nachrüsten kann. Es würde wenig Sinn machen „Second Life – verstehen, erkunden, mitgestalten“ von vorn nach hinten durchzusehen. Stattdessen empfiehlt es sich, die Kapitel, die einem gerade interessant erscheinen ganz in Ruhe durchzugehen und alles gleich am Monitor selbst auszuprobieren. Auf jeden Fall lohnt sich die Lektüre für Einsteiger. Klar kann man das alles auch selbst herausfinden. Aber manches Detail entgeht einem vielleicht und fällt einem dann erst nach Monaten auf. „Second Life – Verstehen, erkunden, mitgestalten“ – ein lesenswertes Buch für Second Life User.
|