Ein Berg nasser Bücher - Was von der Kultur übrig blieb

von Thorsten Küper

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Wir leben in einer maroden Welt. Vielleicht übertreibe ich ja, aber ich behaupte, schon allein die Nachrichten der letzten Woche beweisen, dass es langsam aber stetig bergab geht. Nicht nur mit der Wirtschaft, sondern mit der Kultur, was noch viel schlimmer ist.

Ein Trend dieses Jahres war sicher nicht das Motto "Schwerter zu Pflugscharen" aber ganz bestimmt "Legastheniker zu Schriftstellern." Jeder der heutzutage mal aus mehr oder minder nichtigem Anlass im Fernsehen war, hält die Tatsache seiner Existenz gleich für wichtig genug, um ein Buch drüber zu schreiben. Dass eher schlichte Gemüter unter gestörter Selbstwahrnehmung leiden, ist nun wirklich nicht neu. Erschütternd aber die Tatsache, dass die nicht mal vom Heroen selbst, sondern von Ghostwritern fabrizierten Selbstbeweihräucherungen im Hardcover Heerscharen gieriger Käufer finden.

So lässt beispielsweise ein deutscher Sangesbarde zweifelhafter Begabung vom prostituierten Lohnschreiber einen Buchstabencocktail aus ausgelutschten Sexerlebnissen und Beleidigungen mixen. Wer so viele Teppichläden und -luder von hinten gesehen hat, kann freilich aus der offenen Hose plaudern und - was wirklich gemein ist für uns normalsterbliche ohne Luder - dafür im Nachhinein noch Kohle kassieren. Gelesen wird's, und das ist das traurige.

Auch wer sich drauf versteht, Lederbälle zu verschießen, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger aus dem offenen Seitenfenster des Ferraris heraus zu beleidigen und den Mittelfinger zu heben, der presst seine selbstherrlichen Ansichten gern in Buchform. Und auch das wird gelesen, sozusagen vom Kleingeist für den Kleingeist.

Doch unsere Kultur hat neben den echten Prominenten nun noch eine weitere, ganz eigene Spezies entwickelt: Die unechten Prominenten: Die sind eigentlich gar nichts, weder Musiker, noch Schauspieler, noch Sportler, dafür jedoch für jeden Deppen von Interesse. Unechter Prominenter wird man übrigens, indem man sich möglichst dekorativ neben oder unter echten Prominenten platziert. Namen nenne ich nicht, denn Unterlassungsklagen haben sich neben Golf gerade zum Trendsport der VIPs gemausert. Was diese Leute so hinter verschlossener Tür aber vor laufender Kamera erlebt haben, das findet selbstverständlich willige Leser.

Selbst ehemalige Pornoblondchen schwängern den Buchmarkt nun mit offenherzigen Offenbarungen aus einem Berufsleben, dass nicht immer nur ein Zuckerschlecken war. Ein schöner Nebenverdienst ist so ein Buch, aber wir alle wissen ja: Pornoqueens leben sowieso nicht nur von der Hand in den Mund. Geistige Nahrung findet der Leser nicht, doch werden die wilden Lektüren zweifellos für Schwellungen sorgen - an den Augen, meine ich.

Selbst die frisch um ihre Jugend gecasteten Neustars mit einem Hit, der Debüt und Abschied zugleich ist, können der literarischen Lockung nicht widerstehen und schreiben ihre Lebenserinnerungen - über die gesamten zwölf Jahre. Auffällig dünn sind diese Bücher, allenfalls angereichert mit Baby-Nacktfotos. Auf die werfen Redakteure von Herrenmagazinen ein Auge, um hochzurechnen, ob es lohnt, der jungen Dame mal ein Foto-Shooting anzubieten - wenn der Karrierezug immer noch im Bahnhof steht und sie dringend Geld braucht.

Doch wo Schatten ist, da muss es auch ein Licht geben. So wollen wir nicht übersehen, dass man mit literarischen Lockstoffen wie diesen wenigstens Leser zurück ans Buch holt. Als Türstopper eignen sich die Papierbrickets allemal und könnten, zu einem hohen Bücherberg aufgeschichtet, Mahnmal sein für den Untergang der Kultur. Aber so schwarz soll man gar nicht sehen und wirklich Schaden tut der Buchstabensalat auch nur dem, der ihn in sich hineinschlingt. Schlimmer treiben es da schon unsere amerikanischen Freunde. Da werden aus Prominenten nicht nur Schriftsteller, nein, man überträgt ihnen gleich ein bedeutsames politisches Amt. Denn wenn einer auf der Leinwand die Welt rettet, dann kann er das natürlich auch im wahren Leben. Wer so wählt, verlässt wahrscheinlich auch mit sprudelnder arterieller Blutung empört das Krankenhaus, weil er keinen der anwesenden Ärzte aus einer amerikanischen Krankenhausserie kennt. Immerhin ist es in Amerika nichts neues Marion…äh Schauspieler zu Präsidenten zu machen. Dass man aus den alten Fehlern nichts gelernt hat, sondern sie mit größter Begeisterung wiederholt, sollte den kritischen Beobachter aber beunruhigen.

Mir bleibt nichts anderes übrig als herzliche Glückwünsche für die gewonnen Wahl zum Gouverneur von Kalifornien nach Österreich zu schicken. Irgendwas kommt mir am letzten Satz übrigens seltsam vor, aber ich kann es nicht eindeutig festmachen.

Aber genug analysiert und spekuliert für heute. Ich werde mich jetzt bei einem Krimi entspannen. Ist übrigens von Dolly Buster. Komisch, der Name klingt gar nicht wie die der anderen englischsprachigen Krimiautorinnen, sogar ein bisschen billig, möchte ich behaupten. Aber das ist rein subjektiv. Ich bin jedenfalls sehr gespannt…

 

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