Lange Nacht der kurzen Filme in Alzenau

von Thorsten Küper

 

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Kennen Sie Alzenau?

Falls nicht, so könnte sich das bald ändern. Das kleine Städtchen nahe Frankfurt kann nämlich etwas vorweisen, das bislang nur Weltstädten wie Berlin oder Cannes vorbehalten war: Ein eigenes Filmfestival, die "lange Nacht der kurzen Filme". Dass man in Alzenau wirklich Sinn für Kultur hat, bewies eine Email, die das Thunderbolt Video Project vor wenigen Monaten erreichte. Man war nämlich in jenem kleinen hessischen Städtchen auf unsere Filme aufmerksam geworden und hatte sofort deren Bedeutung für das europäische, wenn nicht sogar das Weltkino erkannt. Sogleich bat man uns um die Erlaubnis, ein oder zwei unserer Filme zeigen zu dürfen. Klar, dass Uwe und ich uns die Chance nicht entgehen ließen, dem außergewöhnlichen Ereignis, gleichzeitig übrigens Uraufführung von "Leben macht müde" persönlich beizuwohnen. Davon konnte uns auch nicht die Aussicht auf eine dreistündige Autofahrt abhalten - die wir sinnvoll genutzt haben, um weitere Projekte zu planen und über die Möglichkeit nachzudenken, ein eigenes Multimedia-Festival zu veranstalten…

Alzenau ist eine eher kleine Stadt mit einem wuchernden Gewerbegebiet, Modellhäuschen wie aus Katalog, die gleich am Ortseingang von Kaufwilligen besichtigt werden können und einem alten Ortskern samt Burg. Der Übergang vom Dorf zur Stadt ist noch so ganz vollzogen aber immerhin hat man schon eine eigene McDonalds-Filiale. Die zu erreichen artet übrigens in eine mystische Reise aus. Denn wer sich auf die Wallfahrt zur Burgerbraterei begibt, darf unter gar keinen Umständen auf das riesige Neon-MC zusteuern. Vielmehr muss man paradoxerweise von dem Schild wegfahren (!), um an seinen Milchshake zu kommen. Wer so verquer denkt, der muss auch Sinn für schräge Kurzfilme haben…

Statt findet die "Lange Nacht der kurzen Filme" in der Teestube Alzenau. Die zu finden ist nicht weiter schwer, doch so mancher kurzfilmhungrige Anreisende könnte direkt vor dem Veranstaltungsort stehend auf die Idee kommen, hier völlig falsch zu sein. Sagen wir mal so: Die Teestube Alzenau sieht etwa so aus, als hätte sie bereits in den späten sechziger Jahren ihren letzten Gast gesehen. Doch genaueres Hinsehen lohnt. Was da hinter den Fenstern lauert, ist nicht die Finsternis eines Spukhauses, nein, da hat sich jemand die Mühe gemacht, alle Scheiben zu verhängen, um für die richtige Atmosphäre in Alzenaus einzigem Kino zu sorgen. Und Atmosphäre, die gibt es wirklich reichlich in diesem Häuschen, das so aussieht, als sei es nicht gemietet, sondern besetzt worden.

Auf recycelten Knautsch-Sofas räkeln sich Kurzfilmfans aus der Umgebung aber auch angereiste Enthusiasten wie wir Thunderboltler. Der Vorführraum selbst ist die reine Freude für Filmkenner, sieht er mit all den Graffitis an den gefliesten Wänden doch aus, wie eine Kulisse aus John Carpenters "Die Klapperschlange". Früher war er wohl mal ein Badezimmer, worauf nicht nur die Wandfliesen, sondern auch die aus dem Boden ragenden Überreste eines Waschbeckens hindeuten. Ganz hinten wurde ein anachronistischer Berg aus High-Tech aufgetürmt, von wo aus DVD-Playern, Videorekordern und Kameras die Filme nicht nur in den Beamer sondern auch in kleine Fernseher im Vorraum gespeist werden. Echte Filmenthusiasten fühlen sich hier gleich wohl und es ergibt sich auch schnell eine Möglichkeit über die laufenden Videos zu fachsimpeln. Besser noch: Wer genau hinschaut, stellt vielleicht sogar fest, dass der momentane Gesprächspartner, mit dem man über den gerade gesehen Film lästert, Darsteller in eben diesem war.

Alzenau ist eben irgendwie doch wie Cannes oder Berlin, wo man die Schauspieler auch mal im Publikum findet. Vielleicht ist der Glamour noch nicht so groß, der Charme dieser kleinen Filmnacht ist es aber auf jeden Fall.

Uwe fungiert beim Festival beinahe noch als Retter in der Not, als die Kamera der Veranstalter ausfällt und Uwe mit seiner einspringt. Doch dann findet sich doch noch ein geeignetes Ersatzgerät, so dass wir einige improvisierte Berichterstattungen aus Alzenau drehen können. Die wird man sicherlich auf der nächsten Thunderbolt-Video-Jahres-DVD zu sehen bekommen.

Die Filme an diesem Abend stammen aus den unterschiedlichsten Winkeln der Republik und genau so vielfältig wie der Entstehungsort sind auch die Geschichten und die Mittel mit denen sie erzählt werden. Besonders gefallen haben mir persönlich "Frau Senf, die Tür und der Zucker", ein sehr melancholischer Film über das Alter, "High Hide Noon", eine unerwartete Neuinterpretation des Westernmythos und "Sein letzter Fall", ein interessanter Versuch, einen Thriller im Stil eines Film Noir zu drehen, um nur einige zu nennen…

Auch "Leben macht müde" und "Frauen" wurden an diesem Abend gezeigt, wobei ersterer durch seine Platzierung am Anfang eine etwas undankbare Startposition hatte, denn die Filmfans waren zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich unaufmerksam. Mit dem kritischen Publikum im Nacken ist es schon ein ziemlich komisches Gefühl das eigene Konterfei metergroß vor sich zu sehen. Doch wir fanden Gnade. Vor allem Bianca Frankes Spiel in "Frauen" erntete bei den Zuschauern nach Mitternacht einige Lacher und der Film bekam einen entschlossenen Applaus - Balsam auf die Seelen von uns Machern.

Ich für meinen Teil habe die lange Anreise keinen Moment bereut und den Abend unter Gleichgesinnten genossen. Gerade drehen wir bereits ein neues Kurzvideo und mit etwas Glück wird auch das bei der nächsten "langen Nacht der kurzen Filme" in Alzenau zu sehen sein. Ich selbst würde übrigens ebenfalls gern wieder mit dabei sein…