Als Gott vom Himmel fiel
von Thorsten Küper
Diese Story wurde beim mittlerweile eingestellten "Projekt Utopian" Story des Monats
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Irgendeine Gelegenheit für einen Deal bietet sich immer - doch irgendwie glaubte ich, daß das die falsche Philosophie war. Schließlich hatte sie mich hierher geführt. Mitten in die Wüste. Hier, am Boden eines Millionen Jahre alten Meteorkraters hatte sich die Welt versammelt, um Gott willkommen zu heißen und ich war lediglich mit dabei, weil ich den falschen Bus erwischt hatte. Jeder Quadratzentimeter meiner Haut juckte und das schon seit über zweihundert Meilen, aber beim Anblick der Kraterstadt - die Journalisten nannten es so - vergaß ich für eine Sekunde das häßliche Gefühl meines Anzuges, der in der Hitze an mir klebte. Die dreieinhalb Stunden in dem Greyhound Bus waren eine Folter gewesen. Trotz Klimaanlage(jedenfalls stand das außen auf dem Bus) hatte die Temperatur in dem Blechsarg mindestens fünfzig Grad betragen. Irgendwann war die digitale Temperaturanzeige hinter dem Fahrer erloschen. Vielleicht wegen der Hitze, oder weil der Fahrer sie abgeschaltet hatte, damit keiner der mittlerweile murrenden Fahrgäste begriff, daß mit Klimaanlage die Fenster gemeint waren, von denen sich ein Großteil nicht mal öffnen ließ, weil sich der Mechanismus in der Hitze verzogen hatte. Der Anblick von Wasser, das in die Menge gespritzt wurde, erfüllte mich mit Sehnsucht. Doch für ein Motel und eine Dusche blieb mir keine Zeit. Nicht alle waren so erfreut über die Rückkehr Gottes. Es gab da noch einige, die sich auf wenig erfreuliche Art dafür bei mir bedanken wollten. In Glaubensfragen hatte die Mafia überhaupt keinen Humor. Ein guter Grund mehr, sich in einem Loch im Boden zu verkriechen. Jeder Versuch die Wohnmobile, Trailer oder Pick Ups dort unten zu zählen wäre aussichtslos gewesen. Als wären Autos, Busse und Lastwagen aus allen Himmelsrichtungen blindlings in den Krater gerast um das Loch in der Wüste mit Blech aufzufüllen. Wer keinen fahrbaren Untersatz hatte, schlief in Zelten, oder unter freiem Himmel, vielleicht auch in einem der großen Zirkuszelte. Auf einem davon war ein riesiges Clownsgesicht aufgemalt, daß den Himmel gehässig angrinste. Längst hatte sich die Kraterstadt über dessen Ränder hinweg in die umgebende Wüste ausgebreitet. Die Nachrichten sprachen von einer halben Million Menschen, doch ich vermutete, daß es viel mehr waren und das Hupkonzert hinter mir gab mir Recht. Der Stau reichte weit bis hinter den Horizont. Ich blinzelte ungläubig. Für eine Sekunde glaubte ich unter Halluzinationen zu leiden, mußte dann aber einsehen, daß sich dort unten tatsächlich eine ganze Herde von Kamelen bewegte. Sie transportierten irgendwelches Zeug vom Kraterrand herunter auf einem Fußpfad, der über die Jahrzehnte von Touristen ausgetreten worden war(es gab sogar noch ein verwittertes kleines Häuschen hier oben an der Zufahrt mit einem großen Schriftzug - Tourist Information - aber dem Zustand der Hütte nach, schienen nicht mehr besonders viele Touristen in den letzten Jahren Interesse an einem Meteorkrater gehabt zu haben). Elf der Tiere trugen große Wassertanks auf den Rücken. Damit kamen sie die Kraterböschung so schnell herunter, daß es an ein Wunder grenzte, daß sie niemanden zertrampelten - obwohl das der allgemeinen guten Laune wohl keinen Abbruch getan hätte. Überhaupt erinnerte mich diese grölende, tanzende, schreiende und zu allem Überfluß auch noch betende Menschenmasse an eine riesige Schachtel voller Insekten, deren Deckel ich aus Versehen hochgehoben hatte. Es gab nicht viele unter ihnen, die keinen Player in ihren Kopf eingestöpselt hatten. Ich war mir ganz sicher, daß sie alle die selbe Aufzeichnung konsumierten. Den Bestseller der Induktionssoftware, der sich wie eine ansteckende Krankheit über das Internet ausgebreitet hatte. Nicht, daß ich jemals etwas gegen Induktionssoftware gehabt hätte. Die Möglichkeit sämtliche Empfindungen und Wahrnehmungen eines anderen Menschen erfahren zu können, in dem man ein Aufzeichnungsgerät mit seinem Gehirn verband, wie einen Videorekorder mit einem Fernseher, hatte mich seit meiner Kindheit fasziniert. Alles war fühlbar, sichtbar, erlebbar, ohne selbst ein Risiko eingehen zu müssen. Aber das die Aufzeichnung eines Gebetes, eines Vater Unsers, jemals so große Faszination auf die Menschheit ausüben konnte.....jeden, der das behauptet hätte, hätte ich für einen irren Sektierer gehalten. Jedenfalls bevor ich selbst erlebt hatte wie maßlos tief die Empfindungen bei diesem Gebet waren. So unglaublich unnatürliche und intensive Gefühle...........Die meisten Konsumenten schalteten irgendwann auf Endlosschleife. Manche von ihnen benutzten sogar illegale Verstärkerstufen um die Intensität des Signals und damit des Gefühls noch zu verdoppeln, oder zu vervierfachen. Die Konsequenzen wurden von Fachleuten - den Fachleuten, die nicht vom Vertreiber der Software bezahlt wurden - als unvorhersehbar, aber vorsichtig ausgedrückt, als äußerst bedenklich beschrieben. Ich wußte, daß das eine Untertreibung war. Vielleicht eine halbe Meile entfernt von hier gab es innerhalb des Kraters einen flachen Hügel. Jemand hatte hölzerne Kreuze darauf errichtet die lange Schatten warfen. In der flimmernden Hitze bildete ich mir ein menschliche Gestalten daran hängen zu sehen. Um die Kraterstadt wirklich zur Hauptstadt des Irrsinns zu machen wurde alles noch von einem riesigen, gut siebzig Meter hohen Riesenrad überragt. Außerdem waren da noch Karussells und eine Achterbahn und zwischen all dem drehte eine Kindereisenbahn ihre Runden auf einer Gleisstrecke, die wie eine Acht geformt war (wahrscheinlich war das ganze eher philosophisch gemeint, also als umgekippte Acht dem Symbol für Unendlichkeit). Die Schausteller schienen selbst die ältesten Maschinen aus ihrer Rumpelkammer hervor gekramt zu haben um hier noch etwas Geld damit zu machen. Alles im Krater siedete bei vierzig Grad vor sich hin wie in einer riesigen Pfanne und es stank nach Abgasen, Schweiß, Fäkalien und Zuckerwatte und irgend etwas, das ich für eine Kombination aus Verwesungsgeruch und Desinfektionsmittel hielt (erst später erfuhr ich, daß es Weihrauch war). Doch niemanden schien das oder die endlosen Schlangen vor den chemischen Toiletten zu stören. Die Bedeutung von Komfort und Hygiene verblaßten eben vor dem, was hier geschehen würde. Gott kehrte zurück. Der Wind drehte und eine neue, heftigere Woge von Gestank, Geräuschen und Musik schwappte zu mir herüber. Eine wilde Mischung aus Country, Gospels, Reggae und mittelalterlichen Klängen. Wie groß der Krater auch sein mochte, er war zu klein für die Musiker, die sich berufen fühlten hier zu spielen. Ein seltsames Gefährt kam die Einfahrt aus dem Krater herauf. Eine Rikscha mit Kartons voller Aufkleber, Anstecknadeln und Sonnenbrillen auf dem freien Passagiersitz. "Wieviel", fragte ich den knochigen Fahrer mit Gratefull Dead T-Shirt und gelben Zahnstümpfen. Er nuschelte etwas, daß ich für fünf hielt. Ich gab ihm die Summe - mein letztes Bargeld - und erhielt dafür ein lächerliches stromlinienförmiges Ding von einer Sonnenbrille. Erst als ich sie aufsetzte bemerkte ich den Schriftzug, der immer dann entstand wenn ich gegen den Himmel blickte. "Welcome back, God!" Was auch immer das bedeuten sollte. Kurz drehte ich mich um. Obwohl der Highway flimmerte wie eine Bildstörung meinte ich in dem Convoy aus Bussen und Pkws, der sich bis zum Horizont erstreckte einen schwarzen Punkt zu erkennen. Die Limousine meiner drei Freunde. Die Distanz zwischen mir und den Läufen ihrer Waffen war deutlich zu niedrig. Unten an der Einfahrt pumpte jemand Wasser aus einem Tankwagen in den Wüstenboden und erzeugte so eine Schlammsuhle. Mädchen und Jungen wälzten sich darin wie Schweine, was mich an den überlangen und totlangweiligen Film über dieses Rockfestival, Woodstock, erinnerte. "Was zum Teufel soll diese Scheiße?", fragte ich mehr mich selbst als den Rikschamann aus dessen Stirn ein Kabel baumelte. "Was?" Er lachte. Ich ließ ihn stehen und ging hinunter in den Krater, tauchte in diesen Ozean aus Geräuschen, Lachen, Musik, wie in eine warme, zäh fließende Substanz, die meine Sinne betäubte. All das erinnerte mich an einen Freizeitpark, den ich vor Ewigkeiten besucht hatte. Eines von diesen Plastik-Wunderländern voller armer Schweine, die sich ihren Lebensunterhalt in übergroßen Kostümen, verkleidet als Cartooncharaktere verdienen mußten. Damals war ich ein Kind gewesen, und diese riesigen Figuren mit ihren riesigen Köpfen und den riesigen Zähnen hatten mir eine Heidenangst eingejagt. Heute war es genauso, all diese lachenden ausgelassen halbnackten Menschen, all diese Karikaturen von Fröhlichkeit schienen wie Halluzinationen eines geisteskranken Cartoonzeichners. Clownsgesichter die man durch ein Fischauge betrachtete. Ein Mädchen mit einem riesigen abblätternden Sonnenbrand auf den Schultern und Sommersprossen auf der Nase, kam auf mich zum hob ihr T-Shirt, griff nach meiner Hand und legte sie auf ihre Brust. "Fühl' mal mein Herz" kreischte sie und verschwand kichernd in der Menge. Zugegeben: dieser Ort war abstoßend. Gleichermaßen aber wie geschaffen für mich. Unübersichtlich, voller potentieller Zeugen, voller Sicherheitskräfte - voller Irrer. Keine zwanzig Meter von mir entfernt, im Schatten eines Tanks stand ein Bulle. Ein großer uniformierter Bursche, der in sich hinein schmunzelte, offenbar erheitert über das Theater um ihn herum, und natürlich mit dem obligatorischen Player am Gürtel und dem Induktionskabel in der Buchse in seiner Stirn. Seine Hände waren zum Gebet gefaltet. Eigentlich sah er nicht aus, wie jemand, der jemals beten würde. Zu meiner Verblüffung sah ich, wie er plötzlich seinen Gürtel öffnete und mitsamt Halfter in die Pfütze unter dem Tank warf. Im nächsten Augenblick war er in der Menge verschwunden. Wie ein Lottogewinner, der sein Glück nicht fassen konnte, stand ich da, glotzte auf die klobige stahlblaue Waffe und verstand erst jetzt, daß die Welt weit über den Rand des großen Kontinents Vernunft hinaus marschiert war und sie jetzt alle wie Lemminge mit dem Kopf voran in den Irrsinn tauchten. Doch noch war das irgendwie zweitrangig. Darüber, daß die Welt ausrastete, konnte ich mir Gedanken machen, wenn ich am Leben blieb - und daß würde mit einer Waffe wesentlich einfacher sein. Nicht daß ich nie eine besessen hätte, aber natürlich nur so lange, wie ich mich in New York aufhielt. Durch die Detektoren in Bahnhöfen, Busstationen oder Flughäfen konnte man leider keine Kanone bringen, ohne dabei von Sicherheitskräften niedergeschossen zu werden, oder zumindest auf unbestimmte Zeit in den Knast zu wandern. Manchmal mußte man Glück haben - eine Pistole verbesserte meine Situation erheblich. Ich sah mich um - niemand beachtete mich, alle waren zu sehr damit beschäftigt den kollektiven Irrsinn zu genießen - und schon hielt ich den Gürtel in meinen Händen, zog die Waffe heraus - Automatik, dreissig Schuß und das Reservemagazin im Gürtel - und ließ sie in meinen Hosenbund verschwinden. Es war eine Weile her, daß ich so ein Ding in Händen gehalten hatte, aber ich wußte wie man damit umging und ich würde meinen drei Freunden damit eine Überraschung bereiten können. Danach besorgte ich mir eine Flasche Wasser - es wurde in einer Kunststoffflasche mit einem französischen Namen darauf verkauft , aber es schmeckte wie warmes Leitungswasser - und trieb mich ein wenig herum. Der Krater hatte einen Durchmesser von fast anderthalb Meilen, aber sein nördliches Ende war von der Erosion stärker bearbeitet worden, so daß sein Rand nach Norden hin abflachte. In dieser Richtung erstreckte sich die Kraterstadt weiter in die offene Wüste. Irgendwann bemerkte ich, daß ich mich bereits außerhalb des Kraters befand. Doch auch von hier konnte ich die äußere Grenze der Stadt nicht ausmachen. Zelte und Vans erstreckten sich bis zum Horizont. Eigentlich hatte ich nach Phoenix gewollt - dort kannte ich ein paar Leute, die mir Gefallen schuldeten, Extremisten für die ich einige Zeit gearbeitet hatte - aber dieser Ort war ein viel besseres Versteck. Die Sonne war unter den Horizont gerutscht und hatte einen Himmel wie eine purpurne Prellung hinterlassen. Bis zum großen Augenblick war es weniger als eine Stunde. In einer Stunde, so glaubte diese wahnsinnige Horde um mich herum, würde Gott auf die Erde zurückkehren. Ich beschloß mich nach etwas mit einem Dach umzusehen. Mit einem Mädchen in einem der Zelte zu verschwinden wäre eine Möglichkeit gewesen - die seltsame Euphorie und die plötzliche Aufgeschlossenheit der Menschheit machten viele Dinge leichter. Ich hielt nach einer günstigen Gelegenheit Ausschau, doch die erste die sich mir bot war ein blonder Bengel, vielleicht gerade achtzehn Jahre alt. Vom Dach eines Vans, auf dem er es sich unter einer aufblasbaren Palme gemütlich gemacht hatte, flirtete er mit mir . Zu dumm, daß ich nicht schwul war. Der Preis für das Versteck war mir ein bißchen zu hoch . Ich setzte ein bedauerndes Gesicht auf und machte eine abwehrende Geste. Als ich mich umdrehte um weiter zu gehen, fiel mein Blick auf die Kapelle. Eigentlich war es nicht wirklich eine Kapelle. Zunächst hielt ich sie für so eine Art Fahrzeug, weil sie stromlinienförmig war. Das Ding stand auf der Ladefläche eines Tiefladers, dessen Räder sich tief in den Sand gefressen hatten . Auf den riesigen Truck, der davor gespannt war, hatte jemand so ein lächerliches John Wayne Western-Motiv gemalt. Indianer, und weiße friedlich nebeneinander vor Sonnenuntergang und Lagerfeuer. Erst als ich den kleinen Glockenturm oben drauf sah, begriff ich, daß es eine dieser mobilen Kirchen sein mußte, die, die Armee von schweren Transporthubschraubern in Kriegsgebieten absetzen ließ. Ich hatte schon einige davon gesehen. Betreten hatte ich jedoch noch nie eine. Ich beschloß, daß es eine gute Idee wäre, damit heute anzufangen, wollte mir jedoch nicht eingestehen, daß ich mir auch erhoffte jemanden zu finden, mit dem ich reden könnte - jemanden der etwas von Religion verstand. Über der Kapelle summte aufdringlich eine Maschine, ein rotes Band flatterte vor einem Belüftungsschlitz. Eine Klimaanlage. Wenn das Ding eingeschaltet war, würde auch jemand da sein. Über die Hinterachse des Tiefladers führte eine Treppe zu einer Doppeltür. Wie es schien war die aus Holz, als ich sie jedoch berührte entpuppte sich das Holz als Kunststoff. Ich klopfte, aber niemand reagierte. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte jedoch jeder das Recht, jederzeit eine Kirche zu betreten. Und wäre es nicht absurd so kurz vor der Ankunft Gottes beim vermeintlichen Einbruch in ein Gotteshaus erschossen zu werden? Ich drückte die Klinke herunter und die Tür schwang nach innen auf. Das Gotteshaus war von innen noch viel kleiner, als ich es erwartet hatte. Das Licht war angenehm gedämpft, natürlich denn es gab keine Fenster in der Kapelle. Es stammte aus Lichtquellen hinter kitschigen Buntglasfenstern - na ja, vermutlich war es eher Plastik als Glas. Und die Luft war herrlich kühl, so kühl, daß ich mich erkälten würde, aber das was ein Preis den ich für diese Erholung zu zahlen bereit war. Es gab fünf Reihen von jeweils zwei Bänken. Jede von ihnen bot Platz für drei Personen. Insgesamt paßten also immerhin dreissig Personen hier hinein. Zwischen den Bänken verlief ein Mittelgang, direkt auf den Altar hin zu. Darüber blutete ein Kunststoffjesus am Kreuz. Der Mann trug einen Priesterkragen - über einem T-Shirt in Tarnfarbe, das den Blick zuließ auf ein paar kräftige Oberarme. Seine Beine, die er auf den Altar gelegt hatte, wie ein Beamter auf seinen Schreibtisch, steckten in Drillichhosen. Er trug schwere Armeestiefel. Gerade nahm er einen Schluck aus seinem Kelch. Vor ihm auf dem Altar stand eine Flasche Jack Daniels. Er nickte mir zu. "Und?" "Vater vergib mir, ich habe gesündigt", erklärte ich und wunderte mich über meine Worte. Er stellte den Kelch ab und verdrehte verächtlich die Augen. "Blödsinn." Ich schmunzelte. "Ich habe das mal in einem Film gesehen. Sagt man das nicht, wenn man beichten will?" Er legte den Kopf in den Nacken, streckte sich und ich meinte seine Gelenke knacken zu hören. "Traditionell gesehen schon. Aber du siehst nicht aus wie jemand der beichten will.............ganz davon abgesehen. Kennst du eigentlich die wahre Bedeutung der Beichte?" Ich zuckte mit den Schultern. "Reue?" Er winkte geradezu angewidert ab. "Kirche und Adel steckten immer unter einer Decke. Wenn irgend jemand seine Steuern unterschlagen hat, dann hatte er natürlich ein schlechtes Gewissen, so wie es sich für einen Gläubigen gehört. Der gute Mann geht also zur Beichte , um sein Gewissen zu erleichtern. Der Priester läßt ihn zwanzig Vater Unser beten.... alles in Ordnung, du kleiner dummer Bauer, denn du bereust ....... und dann rennt er rüber zum Grafen und denunziert das arme Schwein. Meiner Meinung nach ist die Beichte eine Erfindung des Kapitalismus." Zum ersten Mal seit Stunden ließ ich meine Tasche los. Ich ließ sie einfach fallen und spürte erst jetzt, daß ich kein Gefühl mehr in meiner Hand hatte. "Sie sind kein Priester!" Er nahm die Beine vom Altar und erhob sich kerzengerade. "Und ob ich das bin. Katholische Theologie studiert in Salt Lake City - was für eine Ironie nicht? - und nebenbei noch ein Magister in Philosophie und ein bißchen Politologie in Princeton. Also gut, ich höre mich nicht an wie ein Priester und du hörst dich nicht an wie jemand der aufrichtig bereut. Wir sind quitt. Worüber also willst du reden?" "Über das, was hier geschieht......was mit der Welt geschieht. Ich bin dafür verantwortlich." Er zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. "Das sind wir alle." Mit einem Lappen wischte er den Kelch aus, hob plötzlich die Flasche, warf sie mir zu. Ich fing sie, was ihn anerkennend nicken ließ. "Du bist keiner, der hinter einem Schreibtisch sitzt, oder?" Ich ging zum Altar, stellte die Flasche darauf ab. Sein Haar war wohl mit den Jahren etwas zurückgewichen, es war noch keine Glatze, aber das verräterische Funkeln einer Stirnbuchse hätte seine Frisur nicht verbergen können. Er war unverkabelt und das erleichterte mich. "Ich bin der, der Gott zurückgebracht hat", erklärte ich schließlich. "Wenn dich diese Vorstellung glücklich macht.............." "Sie verstehen nicht, ich habe dieses Chaos veranstaltet." "Gott kehrt zurück, nennst du das ein Chaos?" Er zwinkerte mir zu. "Sie wissen, daß es nicht so ist. Sie wissen, daß das Massenhysterie ist.................." Der Priester lehnte sich mit verschränkten Armen an den Altar, musterte mich mit Desinteresse. "Wie könntest du als einzelner dafür verantwortlich sein, was Millionen Menschen tun.....ganz davon abgesehen, wie könntest du dafür verantwortlich sein, was Gott tut?" Jetzt erst begriff ich, daß ich es jemanden sagen mußte. Ich strich mein Haar zurück, so daß er die Buchse in meiner Stirn sehen konnte. "Und? Eine Stirnbuchse, nach der letzten Statistik haben fast vierzig Prozent der Bevölkerung so 'was." "Und genau die sind hier.........", beharrte ich. Irgendwie machte ich seine Gleichgültigkeit wütend. "Jemand wie sie, kann doch nicht ernsthaft glauben, daß Gott nach Termin heute Nacht zurückkehrt. Sie haben alles mögliche studiert, sie können ein astronomisches Phänomen von etwas.....was weiß ich, eben von etwas religiösem unterscheiden." "Gott ist alles und jeder, wenn er will, kann er auch ein Stein sein!" Ich griff nach meiner Tasche, wußte plötzlich, daß es zu keinem vernünftigen Gespräch kommen konnte, drehte mich um. "Warte........" Er grinste mich an. "Du scheinst wirklich ernsthafte Sorgen zu haben......interessanter als die drei Trauungen, die ich heute vorgenommen habe. Ein achtzigjähriger Mann und ein zwölf jähriges Mädchen. Zwei Schwule und zwei Lesben, und einer hat mich ernsthaft darum gebeten ihn mit seinem Wohnmobil zu verheiraten...............die Leute sind Irre geworden." Er kratzte sich an der Stirn. "Ich habe heute noch keinen ohne Kabel in der Stirn gesehen...............einige lassen sich kreuzigen, nur für fünf Minuten, dann holt man sie wieder herunter. Der große Jesus-Selbsterfahrungstrip. Hast du die Nachrichten gesehen? In New Jersey sind sechs Leute ertrunken, die haben alle gedacht, sie könnten über Wasser gehen......leider alle Nichtschwimmer. Vier haben sie bisher gefunden." Er tappte sich an den Kopf. "Diese Software macht sie total irre. Ich hätte niemals geglaubt, daß die Induktionsaufzeichnung eines Gebetes jemals zu einem Verkaufsschlager werden könnte." Ich starrte ihn an. "Es kommt von mir", erklärte ich und sein Blick ruckte hoch. Er war wirklich überrascht, eine ganze Zeit sagte er nichts, ging schweigend zurück zum Altar, drehte den Lappen in dem Kelch herum, wie ein Barkeeper der den Ausführungen eine depressiven Trinkers lauschte. "Du hast das entwickelt?" ,fragte er eher skeptisch als staunend. "Nicht entwickelt, nein. Ich habe das Zeug gefunden..........." "Du meinst, du hast es aus dem Internet heruntergeladen?" "Nein ,bevor ich es gefunden habe, gab es daß nicht im Internet............es stammt aus Kiev." "Rußland? Ich verstehe nicht wovon, du redest........die Software stammt von Symphony - daran sieht man mal wieder wie kapitalistisch der Vatikan ist. Er besetzt Anteile von fünfzig Prozent an diesem Unternehmen. " Ich nickte. "Und die andere Hälfte die Mafia." Das wußte ich sehr genau. Er machte eine beiläufige Geste. "Warum sollten die beiden größten katholischen Organisationen nicht fusionieren?.............Vergiß, was ich gesagt habe: Du behauptest also die Software stammt nicht von Dir, aber auch nicht von Symphony und du hast sie in Rußland gefunden..........dann haben die Russen das Zeug hergestellt?" "Ich habe es in einem feuerfesten Behälter in der Schublade eines russischen Wissenschaftlers gefunden. Der Bursche saß noch da und qualmte. Phosphorbombe." "Hast du sie geworfen." Ich hob unschuldig die Schultern. "Ich war nur dabei um die Kamera zu halten." "Söldner?" "Geschäftsmann." Er grinste schief wie ein alter Wolf. "Diese kommunistischen Hundesöhne." "Es sind schon seit dreissig Jahren keine Kommunisten mehr", korrigierte ich ihn. " Auch sie sind Kapitalisten geworden." Der Priester winkte ab. "Da gibt's keine allzu großen Unterschiede....... ..........vielmehr interessiert mich aber, wie Du so etwas aus Rußland stehlen kannst." Ich zuckte mit den Schultern. "Überall ist Krieg, der ganze Balkan, bis rüber in die Mongolei..............ich bin so eine Art Handlungsreisender, tausche , kaufe, verkaufe..................." Er setzte eine wissende Miene auf, ein wenig angewidert noch dazu. "Du bist eines von diesen Arschlöchern, die dafür sorgen, daß ein paar mormonische Extremisten mit einem Nuklearsprengkopf eine Ranch der White Arian Nation wegpusten, oder daß die Arschlöcher von der White Arian Nation mit Senfgas eine Synagoge in Phoenix ausräuchern." "Ich mache die Menschen gleich." Er sah mich an, als kaute er gerade auf einem alten längst verfaulten Stück Fleisch herum. "Du bist ein kleiner mieser Waffenhändler. Du lebst davon, daß sich diese Idioten um uns herum gegenseitig umbringen, für ihre idiotischen Ideologien, wegen der Lügen, die ihnen irgend ein Schwachkopf auftischt............." "Sie leben doch auch davon Lügen zu verkaufen , oder? Sie glauben doch auch nicht an Gott, oder ? Sie glauben doch nicht ernsthaft, daß er heute Nacht von da oben runtersteigt...... ich meine, das ist, als ob irgendein Idiot auf einen ausbrechenden Vulkan deutet und schreit : Schaut mal da ,Gott. Sie sind doch nicht einer von diesen Eingeborenen oder? "Nicht, daß ich mich wirklich darüber aufgeregt hätte, aber so etwas hatte ich einem Priester schon lange sagen wollen..........nur war der hier nicht besonders beeindruckt. Er hatte sich auf den Stuhl hinter dem Altar fallen lassen, sich ruhig angehört, was ich zu sagen hatte. Nun sah er mich , das Kinn gemütlich auf seine gefalteten Hände abgestützt an und grinste. "Sind das deine einzigen Ausreden...............ich sag dir was, im Grunde genommen ist doch scheißegal, wer das Zeug verkauft, weil irgend jemand es doch sowieso tun würde, oder? Und wenn die Mormonen, die Nazis, die IRA, der KuKlux-Clan oder meinetwegen auch die Katholiken es benutzen, dann ist das deren Schuld und nicht deine." Er warf die Hände in einer gleichmütigen Geste hoch. "Wie es aussieht hast du dann doch noch etwas für die Menschheit getan, oder?" Ich glotzte ihn an. "Du hast ihnen Gott zurückgebracht? Und wenn nicht den, dann zumindest den Glauben daran, oder?" "Sie verstehen nicht................" "Ja Mann, da hast du recht, ich verstehe schon lange nicht mehr.............aber ich habe den Eindruck, daß die Leute da draußen zufrieden sind. Die finden es plötzlich toll zu beten, toll sich Nägel durch die Hände schlagen zu lassen. Die Lachen, Tanzen, kopulieren....................das ist besser als sich gegenseitig umzubringen." "Sie verstehen immer noch nicht, worauf das hinausläuft." Er sah aus wie der Moderator einer Drittklassigen Spielshow. "Die Erlösung!" Bei ihm klang das so, als würde er einem Gewinner die Schlüssel für einen Kleinwagen überreichen. Ich fuchtelte einen Player aus meiner Innentasche, hielt ihm das Ding entgegen, sah dabei, glaube ich, aus wie ein Schauspieler in einem drittklassigen Vampirfilm, der einem Untoten das Kreuz entgegenhält. "Das ist nicht einfach Software. Das Zeug regt nur ganz bestimmte Hirnzentren an, erzeugt Hormonausschüttungen, die Hirnaktivität ist fast so wie beim Sex.....es ist nicht dasselbe, aber genauso intensiv, und weil es für den Verstand jenseits seiner Interpretationsmöglichkeiten liegt, ist es wie die Nähe zu Gott......................" "Gott ist vielseitig, wenn er ein Stein sein will, ist er ein Stein, wenn er Software sein will............" "Er will aber ganz bestimmt keine Waffe sein", brüllte ich ihn an. Der Priester stutzte. "Wieso Waffe? Wie kann ein Gebet eine Waffe sein?" "Ich meine nicht den Text, ich meine das, was die Software nebenbei mit ihrer Neurophysiologie anstellt. Verstehen sie, ich habe das Zeug an so einen kleinen miesen italienischen Industriellen verkauft, der hat ein Medienunternehmen und wird dabei kräftig von seinem Pappi einer großen Nummer der italienischen Mafia in New York gefördert. Und die haben jetzt auch 'raus gefunden, was dieses Gebet tatsächlich ist." Der Priester zwinkerte. "Gottes Nähe." Der Tumult draußen hob plötzlich an, durch ein kleines Fenster hinter den Altar schwoll rotes Licht an, wie bei einem Sonnenaufgang. "Sie verstehen nicht......ich habe vor vier Tagen etwas im Internet aufgespürt. Aus einem medizinischen Institut in Nowo-Sibirsk. Unterlagen die diese Software betreffen.............." Ich begriff immer noch nicht, wie die Italiener davon Wind gekriegt haben konnten. Vielleicht hatten sie mich überwacht, vielleicht hatten sie eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben. Reiner Zufall, daß ich sie vor zwei Tagen in der Lobby des Hotels in New Jersey bemerkt hatte. Der Priester hob die Hände, sein Gesicht glühte vom roten Licht. "Gott kehrt zurück." Ich schrie ihn an, als ich begriff, daß er mir nicht mehr zuhörte. "Es ist nicht Gott sondern eine Waffe. Erst erzeugt es Euphorie......................aber dann.............." Er stürzte an mir vorbei , riß die Tür auf und ich wurde geblendet vom Feuerschein. Draußen tobte die Masse, Hände wurden zum Himmel gestreckt, Menschen hüpften mit Plakaten in den Händen herum, hielten sie nach oben, auf daß der Herr sie lesen konnte. Gott erfüllte die Welt mit Donner, raste feurig über den Himmel und hinterließ eine gleißende Spur..............Jemand deutete auf das rote Nachleuchten und schrie etwas von einer Straße aus Blut. Es begann und ich war mitten drin. Ich stand neben dem Priester brüllte ihm ins Ohr. "Ich habe Archivaufnahmen gesehen, die haben das in einer Kleinstadt ausprobiert.................."Ein Mädchen sprang mich an, umschlang mich mit den Beinen klammerte sich an mir fest. Ich ignorierte sie so gut es ging, obwohl sie sich an meiner Hose zu schaffen machte. "Zuerst erfolgt religiöse Ekstaaaaaaa..............," plötzlich hielt sie mich in ihrer Hand. Ich schaffte es ihre Finger von dort zu lösen und sie von mir weg zu drücken. Wie es wohl aussah, als ich mit offener Hose auf den Priester einschrie? "Zuerst erzeugt die Software religiöse Verzückung, das ganze wird dann geradezu ekstatisch................." Jemand grunzte, das Mädchen hatte sich einen anderen Kerl geschnappt und jetzt kopulierten sie fröhlich. "Aber danach folgt.........." Gott verschwand hinter dem Horizont , von dort erfüllte nun ein heller Lichtblitz den Himmel mit weißblauem Licht. Die Menge kreischte "Er ist hiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeerrrrrrrrrrrrrr" "Danach folgt die pure Raserei, sie werden sich selbst, oder gegenseitig umbringen.............."Ich griff nach dem Arm des Priesters, riß ihn zum mir herum. Er weinte und strahlte gleichzeitig über das ganze Gesicht. Ich konnte ihn nicht hören, denn er flüsterte, aber ich konnte seine Lippen lesen. "Er ist da............." Und dann sah ich seine Stirn zum ersten Mal aus der Nähe. Da war eine Buchse. Eine der ultramodernen, fast unsichtbaren, die sich allenfalls durch eine winzige Wölbung von der umgebenden Haut unterschieden und davor geschaltet nur Millimeter groß , wie ein Muttermal, eine Verstärkerstufe. Es gab kein Kabel, weil er einen kabellosen Player verwendete. Eines von den neueren Hochleistungsmodellen............ Wenn er bei der Intensität ,die, die Aufzeichnung ohnehin schon hatte noch eine Verstärkerstufe vorschaltete, war es ein Wunder, daß sein ganzes Nervensystem nicht einfach zusammenbrach. Ich hätte mich nicht gewundert ,wäre sein Gehirn als grauweißer Brei zu seinen Ohren herausgequollen. Ich ließ ihn los, wollte losrennen, drehte mich um - schaute in den Lauf einer Waffe. "Scheiße!" Ich kannte Kempinsky. Er war groß gut zwei Meter , seine Wangen waren ein wenig zu voll, so daß er immer wie ein pausbackiger großer Junge aussah, dafür war der Rest seines Körpers vom Hals abwärts viel zu mager. Seine Hosen flatterten im Wind um seine Storchenbeine. Kein noch so gut geschnittener Anzug wollte jemals an ihm sitzen. Ich hatte ihn bei einem Geschäftsessen mit Angeli kennengelernt. Ich hatte Klavier gespielt, er hatte gesungen. "My Way." Kempinsky hielt sich für so eine Art legitimer Nachfolger von Frank Sinatra. Seine Stimme war passabel, nur daß er nicht das Charisma der großen Alten hatte, wie er Dean Martin und Frank Sinatra mit leuchtenden Augen nannte. Angeli hatte ihn für seinen Nachtclub in San Francisco engagiert, dort war er sozusagen der Showstar. Kempinsky, ein großer magerer Kerl mit schütterem Haar und dunklen Rändern unter den Augen als hauseigener Wayne Newton Abklatsch. Als wir uns vor einem Monat kennenlernten, hatte mir Kempinsky erklärt, daß er sich beim Chef gelegentlich noch ein Zubrot verdiente - jetzt verstand ich auch welche Art von nebenerwerblicher Tätigkeit das war. Er hob die Waffe mit dem Schaldämpfer mit einem unpassend verlegenen Gesichtsausdruck. "Das ist nicht persönlich", erklärte er. Hochauflösend und in Zeitlupe sah ich, wie sein Finger sich um den Abzug krümmte. "Moment noch", ich hob meine Hand als könnte ich die Kugel damit aufhalten. "Wie habt ihr mich hier gefunden?" Keine besonders clevere Frage, aber ich mußte Zeit gewinnen. Er zeigte in Richtung Himmel. "Gott hat es dir gesagt?" Er verzog das Gesicht. "Quatsch. Die Kamera an dem Mast da. Es gibt über dreihundert hier. Wir haben die Polizisten bestochen und die haben eine Überwachungsroutine für uns laufen lassen, die, die Menge nach deinen Gesichtszügen durchsucht " Er hielt mir die Aufnahme entgegen. "Tut mir leid, daß ich ihnen ausgerechnet dieses Photo als Muster gegeben habe ." Kempinsky und ich Arm in Arm am Flügel in Angelis Nachtclub, während wir "My Way" sangen. "Scheiß Computer", fluchte ich. "Ich hatte Angeli wegen der Software gewarnt. Ich hatte ihn darauf hingewiesen, daß er vorher eine Expertise einholen soll!" Der Kerl stutzte. "Tut mir leid, Junge, ich weiß nicht wovon du redest." Das irritierte mich noch mehr als mein baldiger Tod. "Angeli kann mich doch nicht dafür verantwortlich machen, wenn die Software.........ähh, eine Nebenwirkung hat." Er lächelte versonnen. "Ich weiß nicht , was du meinst." "Du bist nicht hier.....weil es...ähhh..ein Problem mit der Software gibt?" "Natürlich wegen der Software. Ohne das Zeug, wäre das nie mit Angelis Sohn passiert." Ich begriff endlich. Der Stoff hatte Angelis Filius in den Selbstmord getrieben. "Er ist tot?" Kempinsky legte die Stirn in Falten. "Nein!" Also begriff ich doch nicht. "Jetzt verstehe ich gar nichts mehr, weswegen seid ihr dann auf mich angesetzt." Kempinsky verdrehte die Augen. "Weißt du wenn ich jedem erklären müßte, warum ich ihn umlege.........Der Chef ist völlig verzweifelt. Ist das nicht Grund genug?" "Verzweifelt?" Ich schnaufte ein ziemlich humorloses Lachen." Verzweifelt darüber, daß sein Sohn mit der Software, die ich ihm verkauft habe ein Riesengeschäft macht?" Kempinsky stöhnte auf. "Mann, Junge, wo lebst du denn? Was könnte erniedrigender für einen Geschäftsmann wie den Chef sein, als wenn sein Sohn plötzlich Prostitution und Drogenhandel an den Nagel hängt, um Priester zu werden...........na ja, wenn er seinem alten Herrn gestehen würde, daß er schwul ist, daß wäre wohl noch schlimmer. Jedenfalls heult der Chef jetzt den ganzen Tag, weil du , ich zitiere wörtlich", er imitierte die etwas zu hohe Stimme des alten Mafiapappas. " Meine Familie mit dieser teuflischen Software ins Unglück gestürzt hast." Kempinsky besaß auch Begabung als Stimmimitator. Mit seinem doofen Gesicht hätte er damit größere Aufstiegschancen gehabt, als, als Entertainer. Er schauderte unbehaglich. "Schluß mit dem Gequatsche." Ich begriff immer noch nicht so recht, aber anscheinend ging es gar nicht um die Nebenwirkung der Software. Jedenfalls nur indirekt- der Alte hatte mich zum Abschuß freigegeben, weil sein Sohn sich vom weltlichen Leben verabschiedet hatte, um als Priester das Wort Gottes zu verkünden. Mir diesen kleinen Kerl mit den pomadisierten Haaren und dem Koks an den Nasenlöchern in einer Soutane vorzustellen, fiel mir sehr schwer. Um weiter darüber nachzudenken blieb mir jedoch keine Zeit, als jemand plötzlich auf Kempinskys Rücken sprang. Der kleine Schwule, mit dem ich geflirtet hatte (nein, er mit mir, aber ich nicht mit ihm) . Er klammerte sich an Kempinsky und riß ihm die Fingernägel durchs Gesicht. Dabei kreischte er Kempinsky an. "Du Miststück wirst ihm nichts tun." Als ich los rannte, hörte ich zweimal ein Ploppen, als würde eine Sektflasche entkorkt, im nächsten Moment war ich in der Menge, kassierte Ellenbogenschläge in die Rippen. Der Fuß eines Mädchens, das auf den Schultern eines Mannes hockte traf mich ins Gesicht. Aber ich wollte die Deckung durch die Masse auf keinen Fall aufgeben. Plötzlich stand ich bis zum Hals im Wasser. Man hatte hier so eine Art Becken gegraben. Neben mir im Wasser war ein großer kräftiger Kerl ,mit wilden roten, verfilzten Lock, der einen anderen unter Wasser drückte, während er in den Himmel blickte und unmenschlich kreischte. Keine Ahnung wie lange er schon so da stand, keine Ahnung ob ihn überhaupt interessierte, daß der Körper des Mannes den er unter Wasser drückte, bereits leblos trieb. Als ich mich aus dem Becken zog, streifte mein Blick eine Harley Davidson, daran hing ein Schild aus Karton. Darauf stand in großen kritzeligen Buchstaben. "Der echte Johannes der Täufer" und "God rides a Harley". Naß und sarkastischer Weise überhaupt nicht erfrischt rannte ich weiter - und fand mich völlig exponiert auf einem Hügel. Um mich herum Kreuze, die im Mondlicht gar nicht christlich aussahen, sondern wie eine indianische Kultstätte. Wie als Opfergaben eines primitiven Kultes baumelten Menschen daran. Einer jungen Frau neben mir hatte jemand die Nägel durch die Turnschuhe in die Füße geschlagen. In ihrem Gesicht las ich jedoch nicht Schmerz sondern so etwas wie tiefe Freude. An ihrem Kreuz war mit Draht ein Pappschild befestigt. Kreuzigungserfahrung, vierzig Dollar - medizinische Versorgung inbegriffen. Einige zuckten und stöhnten, die medizinische Versorgung hatte vor lauter religiöser Verzückung vergessen ihre Kunden vom Kreuz zu nehmen. Als die Kugel neben mir in den Boden schlug, spritzte Sand hoch. Kempinsky kam den Hügel herauf. "Bleib' stehen du Arschloch." Er sah die Leute am Kreuz, riß entsetzt die Augen auf - ich war wirklich erstaunt , so eine Reaktion hätte ich von einem Profi nicht erwartet - und bekreuzigte sich unvermittelt. Mafiosi waren immer noch so unglaublich christlich. Sein Fehler. Ich zog die Pistole aus der Hose, entsicherte sie - und schaffte es gerade noch Kempinskys Schuß auszuweichen. Ich rollte mich ab, kam wieder in die Hocke, zielte, schoß, traf Kempinsky in den Bauch. Noch im Fallen löste sich ein Schuß aus dessen Waffe und traf die Frau am Kreuz. Der Ausdruck von Verzückung oder Erleuchtung auf ihrem Gesicht wurde nur noch heller. Sie sagte etwas, etwas daß mich Kempinsky und seine großkalibrige Waffe kurz völlig vergessen ließ. "Dies ist mein Blut..............", mehr schaffte sie nicht. Ihr Kopf sank mit offenen fröhlichen Augen zur Seite. Eine Sekunde zu lang, starrte ich sie ungläubig an, mit offenem Mund, Sand auf meinen Lippen - und begriff, daß ich mitten in einem Alptraum steckte. Als wäre ich als Gestalt auf einem Gemälde von Hyronimus Bosch erwacht Aus einem Alptraum in den Nächsten. Ich spürte den Schatten auf meinem Gesicht. Kempinsky war wieder auf den Beinen, schwer atmend mit einem riesigen Blutfleck der da Hemd über seinem Bauch durchtränkte. Er zielte auf mich.... Sein Finger betätigte den Abzug. Wir gafften uns beide dämlich an, als wir gemeinsam begriffen, daß Kempinsky mit der bloßen Hand geschossen hatte. Der schwere Revolver mit dem Schalldämpfer lag zu seinen Füßen. Resigniert ließ er die Schultern hängen, spuckte aus. Als der Blutstrom aus seinem Mund stärker wurde, hob er beschwichtigend die Hand. "Denk an meine Karriere.", sagte er ruhig. "Nicht ins Gesicht." Ich tat ihm den gefallen und diesmal traf ich sein Herz. Der Schuß fegte ihn von den Beinen und er blieb liegen als hätte ihn jemand auf den Wüstenboden genagelt. Na also, mir fehlte einfach nur etwas Übung. Ich fiel auf die Knie, was keinerlei religiöse Bedeutung hatte, war einfach nur völlig erschöpft. Aber darauf schien selbst jetzt, als Gott auf die Erde zurückkehrte, niemand Rücksicht nehmen zu wollen. Kempinskys Begleiter erschienen am Rand der Menge, hoben ihre Waffen, Gewehre mit Laserzielsuchern. Sie waren viel zu weit weg, als daß ich ihnen mit der Pistole hätte etwas entgegnen können. Als einer der roten Strahlen mein Gesicht ertastete war es als würde meine Netzhaut zu rotem Dunst verdampfen. Der Schuß traf mich in der Schulter warf mich zurück, so daß ich auf dem Rücken im Sand landete. Erstaunlich, daß es gar nicht weh tat, erstaunlich wie klar der Himmel über der Wüste war. Mir schwanden die Sinne. Gleich würden sie da sein, würden ihre Arbeit aus der Nähe mit einem sauberen Schuß zu Ende bringen. Ich versuchte die Waffe zu heben, aber der Schmerz in meiner durchschlagenen rechten Schulter raubte mir die Sinne. Mir blieb nichts anderes als liegen zu bleiben, zu warten, den Sand auf meiner Zunge zu schmecken, den Stimmen zuzuhören, dem Lachen, das anschwoll wie ein Sturm, der über mich hinweg rollte. Ich sah die Kreuze, die Wüste, den Himmel, den Mond, die Menschen alle um neunzig Grad rotiert, wie von einem umgekippten Kamerastativ aus aufgenommen. Angelis Männer kamen auf mich zu - und plötzlich brandete die Menge vor, wie ein Meer auf dem lauter wahnsinnige Schiffbrüchige trieben. Das Meer des Irrsinns griff nach Angelis Männern, riß ihre Körper an sich und sie verschwanden auf einem offenen, schwarzen, Ozean aus einander grotesk umschlingenden Leibern, deren Lachen lauter war als jeder Sturm es jemals sein konnte. So klang es also: Das Lachen Gottes.................. Ich war tot. Um mich herum war Weiß. Aber wenn man tot war....................... ..............wieso empfand man dann Schmerz? Einen stechenden Schmerz in der Schulter, einen hämmernden Schmerz in der Stirn, ein furchtbares Brennen in den Augen. Es war kein Weiß, sondern gleißende Helligkeit. "Tut mir Leid." Reizend, daß der Tod sich bei mir entschuldigte. Er hatte eine etwas mürrische Stimme, aber etwas in der Art hatte ich erwartet. "Würde sagen, dein Arsch ist in Sicherheit." Natürlich! Ich war tot, schlimmer konnte es eigentlich nicht werden. Ich schlug die Augen auf, sonnenhelle Laser durchbohrten meine Netzhaut, ich stöhnte auf. "Ich weiß, daß du wach bist........Du hast wirklich keinen Grund beleidigt zu sein.............auch ich habe mal ein recht darauf mich gehen zu lassen." Ich kannte die Stimme. Klang Gott so? Eigentlich kannte ich den nicht. Eigentlich glaubte ich nicht mal, daß es ihn gab. "Okay ,Du hattest Recht, es war nichts weiter als ein Asteroidenfragment.....heute Morgen haben sie Bilder von dem Einschlag in den Pazifik gezeigt. Erstaunlich, daß sich unsere Wissenschaftler ausnahmsweise nicht verrechnet haben. Gott liegt jetzt irgendwo auf dem Grund des Pazifiks. Wäre deine Software nicht so populär gewesen, wäre niemand auf die Idee gekommen, dieses Asteroidenfragment mit Gott gleichzusetzen. Außerdem habe ich einen Riesenkater............." Jetzt stöhnte noch jemand. "Wir sind jetzt übrigens über die kanadische Grenze rüber." Lebte Gott in Kanada? "Oh Mann", erklärte die Stimme. "Ich glaube ich habe mit so einer kleinen rothaarigen gevögelt.......................na ja, das mit dem Zölibat hab ich eigentlich nie so ernst genommen. Vögelte Gott? Jetzt war ich endgültig wach. Diesmal öffnete ich die Augen vorsichtiger, sah wieder weiß, einen weißen Himmel - aus Kunststoff. So etwas wie ein Sarghotel in Japan. Ich konnte mich nicht daran erinnern in ein Sarghotel eingecheckt zu haben. Ich konnte mich nicht daran erinnern überlebt zu haben...................... Ich hatte das Gefühl in Bewegung zu sein. Wie auf einem Schiff. Links von mir war ein Vorhang, ich zog ihn zurück, war geblendet, hielt die Hand hoch und dann sah ich das grinsende Gesicht des Priesters im Rückspiegel. Der LKW in dem ich saß kroch eine Bergstraße herauf. Regen fiel auf die Windschutzscheibe, aber ein Riß klaffte in den Wolken durch den helles Sonnenlicht die Berge überschüttete. "Ich hab dich am Morgen gefunden...................du hast das Mädchen am Kreuz nicht erschossen ,oder? Deine Kanone hatte ein viel kleineres Kaliber." Ich ließ mich zurück auf die Liege fallen. Die Schlafkabine des Lasters war die komfortabelste Unterkunft die ich seit zweiundsiebzig Stunden gehabt hatte. Ich massierte meine pulsierende Stirn. Dann erinnerte ich mich daran ,was ich angerichtet hatte. "Wie schlimm war es?" Der Priester antwortete mit geradezu blasphemischer Gleichgültigkeit. "Schlimm." Er seufzte. "Weißt du vor dieser Nacht war ich Atheist......und jetzt bin ich es immer noch. Aber ich hatte meinen Spaß. Der Kater der war schlimm." "Dein Kater ist mir scheißegal, ich will wissen wie schlimm es war." Der Priester hob die Achseln. "Fünf. Fünf Tote." Ich saß Kerzengerade da. "Nur Fünf? Ich dachte.............." Der Priester grinste. "Einer ist im Becken von Johannes dem Täufer ersoffen, ......und der achtzigjährige ist bei der ersten Nummer mit der Zwölfjährigen am Herzschlag gestorben. Und da waren zwei Männer mit automatischen Waffen. Die sind von der Menge bekehrt worden - mit einer Waffe konnte man sich bei den Leuten gestern ziemlich unbeliebt machen. Jetzt hängen sie am Kreuz ab.............tja und die Frau die ihr bei eurer Schießerei getroffen habt." "Ich hab sie nicht erschossen." "Wie ich schon sagte, das konnte ich an der Schußwunde erkennen. Es war der Große. Warum war der eigentlich hinter die her?" "Eine Glaubenssache." Der Priester winkte ab. "Ich verstehe. Deine Software funktioniert übrigens nicht mehr." "Kaputt?", fragte ich desinteressiert. "Nein, nein bei niemandem mehr. So als hätte man den Schuß aufgebraucht. Ich hab das Zeug weggeworfen. Es war kein Gefühl mehr drin. Schade eigentlich, ist lange her, daß ich beim Gebet etwas empfunden habe." Vielleicht war das die Antwort. Warum sollte eine so effektive Waffe in einer Schreibtischschublade eines ausgebombten Forschungsinstitutes für Psychotronik in Kiew herumliegen. Ich hatte irgendeine Testversion erwischt. Ich erinnerte mich an den verkohlten Leichnam an dem Schreibtisch. Das Kreuz hatte sich regelrecht in seinen Hals hinein gebrannt. Er war vielleicht schlicht und ergreifend sehr religiös gewesen - das Gebet hatte für diesen namenlosen Wissenschaftler keine Bedeutung als Waffe gehabt, sondern eben nur als das was es war: Ein Gebet. "Warum hast du mir eigentlich geholfen?" Der Priester schien darüber nachzudenken. Schließlich rang er sich zu einer Antwort durch. "Du scheinst ein ganz guter Diskussionspartner zu sein....." Eine Weile sprach keiner. Als die Wolken über den Bergen aufrissen, staunte ich über die Schönheit des Augenblicks. Nach einer ganzen Weile erst fragte ich: "Sag mal: Wovon lebt so ein Priester eigentlich?" "Na ja, manchmal halte ich eine predigt und dann sammeln die Leute für mich. Dann sind da noch Schnellhochzeiten für Schwule, Lesben, oder solche die Minderjährige heiraten wollen - ich kann dir sagen in einigen Staaten kann so eine Zeremonie ziemlich gefährlich werden. Dann noch Taufen, Beerdigungen." Sein Grinsen wurde unglaublich breit. "Und die Drogen und die Raketenwerfer, die ich im Altar über die Grenze schmuggele. Mal nach Süden, mal nach Norden. Raketenwerfer nach Tijuana , Kokablätter nach Quebec. Manchmal denke ich dann........." "Moment mal. Du schmuggelst?" wieder richtete ich mich auf, doch eine Schmerzwelle schlug über meinem Kopf zusammen und ein langer glühender Nagel bohrte sich durch meine Schulter, so daß ich zurückfiel. Es war ein Gefühl als würde man mit dem Kopf nach unten in eine finstere Höhle baumeln. Doch ich wurde nicht ohnmächtig. "Du schmuggelst Drogen und Waffen?" "Von irgendwas muß man doch leben......was wollte ich sagen..ah ja, manchmal glaube ich, daß diese ganze Religionsgeschichte doch was für sich hat.....so als hätte die Kirche doch einige Wahrheiten erkannt." Ich rieb meine schmerzende Stirn. "Und was für Wahrheiten sollen das sein? Das Waffenschmuggel im Sinne der zehn Gebote ist. Du sollst nicht töten, aber du darfst ruhig Waffen verkaufen. Und das elfte: Joints rauchen bringt dich zu Gott?" "Ich meine das viel profaner....nein, aber an der mexikanischen Grenze benutzen sie diese Schnüffeldetektoren. Hundert Moleküle pro Kubikmeter sind völlig ausreichend damit diese Dinger Stoff erschnuppern. Aber der Weihrauch. Tja, irgendwie kommen die Sensoren mit dem Zeug nicht klar......Und in meiner Kapelle stinkt es ganz gewaltig nach Weihrauch." Kurz drehte er sich zu mir um. "Also?" "Also was?" "Ich meine wollen wir zusammen arbeiten?" Darüber wollte ich noch nicht nachdenken, noch war ich zu müde. Schlafen, einfach nur schlafen. Irgendeine Gelegenheit für einen Deal bot sich schließlich immer............................ ENDE
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