Besuch in der Alienkolonie

Keine Science Fiction, nein, die bittere Wahrheit

von Thorsten Küper

 

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Vor kurzer Zeit war ich mal wieder drüben. Auf der anderen Seite. Bei denen.

Ich rede nicht vom ehemals wilden, mittlerweile jedoch eher gezähmten Osten. Nein ich spreche von einem Mikrokosmos, der so fremdartig ist, dass ich mich auf der Anreise dorthin immer in einem besonders langen Traum zu befinden glaube. Nichts könnte mich dazu bewegen, freiwillig die Reise an diesen für mich unglaublich befremdlichen Fleck auf dem Globus anzutreten. Alles, abgesehen von der Möglichkeit alte Freunde zu treffen, die sich ausgerechnet dort niedergelassen haben. Ein Physikerehepaar, um genau zu sein. Sie übrigens Kosmologin, was für mich irgendwie erklärlich macht, warum zwei geistig gesunde Menschen auf einen fremden Planeten umsiedeln.

Die Rede ist von Holland.

Fragen Sie mich nicht nach dem Grund, aber ich habe ein echtes Problem mit den Niederlanden. Das fängt schon allein mit der Landschaft an. Aber vielleicht sollte ich dazu etwas weiter ausholen. Als ich fünf Jahre alt war, bekam ich eine Eisenbahn. Spur N, das ist die zwischen der schönen handfesten H0 und der noch filigraneren und für Kinderhände völlig ungeeigneten Spur Z. Alles war bereits fertig montiert, geklebt und angenagelt auf einer großen Spanplatte und ich spielte ganz gern damit. Was mich jedoch immer störte, war das Fehlen von Bergen und damit verbunden auch Brücken. So ganz ohne charakteristische Erhebungen, und sei es auch nur der kleinste Hügel, sieht eine Landschaft einfach nicht echt aus.

Als ich das erste Mal nach Holland kam, hatte meine Spielzeugeisenbahn längst das zeitlich gesegnet, war im Bauch eines orangefarbenen Müllautos verschwunden. Doch als ich die Grenze passierte, da hatte ich das Gefühl sie sei wieder da, meine Eisenbahn und auf irgendeinem magischen Wege war ich auf sie geraten, dazu verurteilt auf immer und ewig als einzig echter Mensch im einzig echten Auto zwischen riesigen Plastikmodellautos und Plastikmodellmenschen, die neben Plastikmodellhäusern auf riesigen Klebstoffbatzen fixiert waren, umherzuirren.

Seien wir doch mal ehrlich. Es ist doch so. Ganz Holland sieht von der Autobahn aus wie eine Spielzeugeisenbahn. Ich würde sogar noch weitergehen. Alles sieht irgendwie aus, als wäre es drei Wochen zuvor noch gar nicht da gewesen. Die Straßen sind neu, die Schilder sind neu, und die Städte am Rand sind es ebenfalls. Alles wie aus dem Baukasten gezogen, zusammengeklebt und dann von den Händen eines Riesen auf zehn Milliarden Quadratmeter Kunstrasen gepappt. Holland, das könnte ein von Außerirdischen errichtetes Modellland sein, das wir durchqueren wie Ameisen eine Spielzeugameisenfarm, ohne zu bemerken, dass alles nur eine Attrappe ist.

Ist Holland gar eine Alienkolonie? Das würde auch das Essen erklären - aber dazu später mehr - und warum Kosmologen und Astrophysiker, sich davon wie magisch angezogen fühlen.

Eine holländische Autobahn zu benutzen, ist eine stupide Sache. Einerseits bieten sich dem Reisenden am Wegesrand nur wenig sehenswerte Details, andererseits ist man durch das befremdliche Tempolimit als deutscher Fahrer gezwungen, ständig den Tacho im Auge zu behalten, um nur ja nicht die magische Grenze zur holländischen Lichtgeschwindigkeit von 120 km/h zu überschreiten. Alle paar Kilometer kommt man an großen, aggressiv gefärbten Schildern vorbei, von denen es einem in wütenden Lettern entgegenbellt: UIT.

Ja, die holländische Sprache an sich stellt für mich eine echte Provokation da. Da gibt es im Norden die elegante englische Sprache, im Süden das herbere aber ebenso wohlklingende Deutsch. Genau in der Mitte dazwischen positioniert hätten die Holländer die Wahl gehabt zwischen diesen beiden attraktiven Alternativen. Doch denen scheint es schwer zu fallen, sich festzulegen und so wurden zwei wunderbare Kommunikationsformen schlicht und ergreifend gemischt. Lassen sie es mich so formulieren. Friesischer Tee ist köstlich, Kakao ist es ebenso, aber jeweils für sich allein genommen. Vermengt man beides und konsumiert die so entstandene Substanz, sollte man sich nah bei einem WC befinden.

Gegen die holländische Sprache, diesen zusammen gekippten Mix aus Deutsch und Englisch, der schon in sich einen kleinen Grenzkonflikt darstellt, finde ich selbst das Schweizerische geradezu wohlklingend und das obwohl mich jedes Mal wundert, warum einem Schweizer beim Sprechen keine kleinen grünen Bröckchen aus dem Mund fliegen.

Holland, das wäre ein echtes Einsatzziel für Logopäden. Wir könnten zehntausende davon in riesigen Frachtmaschinen einfliegen und nach etwa zehn Jahren dürften sich erste Erfolge einstellen.

Aber zurück zu jenen mich ankeifenden Schildern.

UIT. Das steht für Ausfahrt, klingt aber wie ein geschrienes "Raus", so als ob es da jemand gäbe, der meine Gedanken liest, während ich fahre und mich dafür des Landes verweist.

Ich bin dann doch immer recht erleichtert, wenn ich endlich meinen Bestimmungsort erreiche, wobei ich mich noch heute über die Anfahrtsbeschreibung amüsiere, die mir meine Freunde zugeschickt hatten. Odijk, das ist der Ort, an den die beiden sich selbst zwangsumgesiedelt haben, aber ich verkneife mir Bemerkungen über diese Namensgebung, obwohl sie mir auf der Zunge liegen. Aus der Beschreibung meiner Gastgeber ging hervor, dass zwar ein Schild in Richtung Odijk weisen würde, ich dort jedoch unter gar keinen Umständen abbiegen dürfe, sondern erst - und das sei sehr, sehr wichtig - erst eine Kreuzung später. Eine Logik, der man sich nicht verschließen kann. Welch unaussprechliches Geheimnis sich hinter der unwahren Abzweigung in Richtung Odijk verbarg, vermochte ich bis heute nicht zu ergründen, frage mich jedoch, ob es vielleicht etwas mit der Herstellung von Frikandeln zu tun hat, deren Ursprung hierzulande noch immer umstritten ist, oder gar mit der alten Legende, dass einem in Venlo im Parkhaus die Nieren geraubt würden. Ich muss übrigens offen gestehen, sollte ich jemals eine Niere brauchen wäre mir völlig schnuppe, ob das Organ aus Venlo, Odijk oder sonst woher stammt, Hauptsache es funktioniert. (Ach ja: Wer mir gern zukünftig Organe spenden möchte, kann nebenbei bemerkt seine Adresse und Blutgruppe im Gästebuch meiner Homepage hinterlassen.)

Aber zurück zum Thema. Einmal angekommen in einer holländischen Stadt kann man sofort tieferen Einblick in die dortige Wohnkultur nehmen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn Holländer kennen keine Vorhänge. Sehr souverän präsentiert man sich lesend im Wohnzimmer, kochend in der Küche und wahrscheinlich sogar kopulierend im Schlafzimmer falls der geneigte Betrachter sich auf die Rückseite des Hauses begibt. Zurück ginge dieser Wohnexhibitionismus, so erklärte mir ein Freund, auf Napoleon, der während er Holland besetzt hielt, subversive Aktivitäten hinter verschlossenen Vorhängen fürchtete und durch das Verbot ebendieser die Zusammenrottung von Verschwörern verhindern wollte. Es erklärt übrigens auch, warum all die in ihrer Blöße unbedeckten Fenster so niedrig sind, dass selbst der kurze Bonaparte sich am Einblick in die holländischen Mietaquarien hätte erquicken können.

Doch neben dem freiwilligen Verzicht auf Privatsphäre und damit verbunden wohl auch dem auf Sexualpraktiken oberhalb der Fensterbank ist die holländische Architektur an sich ein interessantes Gebiet. Man muss wohl von einem Glück für die Niederländer sprechen, dass ihr Land geologisch fast völlig unauffällig und inaktiv ist. Man begnügt sich beim Bau der dortigen Häuser nämlich grundsätzlich mit zwei tragenden Wänden, auf denen das Dach ruht. Die beiden anderen Mauern werden nur der Vollständigkeit wegen aus einem viel billigeren Material nachgezogen aber vermutlich auch nur auf Wunsch, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass dem zeigefreudigen Holländer zwei Wände völlig reichen.

Als ich gegen eine dieser dünnen Hausmauern klopfte, lief mir tatsächlich ein Schauer den Rücken hinunter. Es mag unglaubwürdig klingen, doch ich bin mir auch jetzt noch sicher: Diese Wand fühlte sich an und klang genauso, ja sie roch sogar so, wie die alte Spanplatte, auf der einst mein Modellholland geklebt hatte…

Anstelle dünner Mauern werden vielfach auch große Fenster eingesetzt, die sich meistens nur schwerlich öffnen lassen. Als ich dies feststellte, keimte in mir der Verdacht auf, dass es sich um tragende Fenster handeln könnte. Ich wage kaum darüber nachzudenken, welche entsetzliche Bedrohung Fußball spielende Kinder für den holländischen Häuslebauer und das Leben seiner Familie darstellen Und dann diese furchtbaren Unfälle in heißen Sommern, wenn mal wieder ein vor Hitze fiebernde Holländer aus Versehen das tragende Fenster öffnet…

In Holland wohnen ist eine Sache, in Holland zu essen eine noch schlimmere…

Kurz vor Grenze hatte mich auf der Hinfahrt ein schnell in Gegenrichtung rasender holländischer Polizeiwagen irritiert. Was wollte der in Deutschland? War nicht sogar das Blaulicht eingeschaltet gewesen?

Mittlerweile ist es mir klar: Die beiden Wachtmeister wollten entweder günstig tanken, denn billiges Benzin ist in Holland ebenso selten, wie Häuser mit Wänden oder eine sinnvolle Straßenführung. Noch eher vermute ich jedoch, dass die beiden Ordnungshüter ganz dringend auf der Suche nach einem Restaurant waren - denn das holländische Essen darf im eigentlichen Sinne nicht als solches bezeichnet werden.

Süßigkeiten stellen dort für sich betrachtet grundsätzlich den Superlativ an Süße dar, ganz so als betrachte es der durchschnittliche Holländer geradezu als Bürgerpflicht, spätestens mit zwölf an Diabetes zu erkranken. Zumindest Mühe geben kann man sich ja durch den Konsum jener ebenso unaussprechlichen wie unverzehrbaren Kuchen die der spätere Insulinjunkie in den dortigen Bäckereien erwerben kann. Das Grauen lässt sich jedoch noch steigern, denn eine Form eigenständiger und zivilisierter Esskultur hat der Holländer bis jetzt noch nicht entwickelt. Eine so eigenwillige Vielfalt an Kombinationen völlig inkompatibler Beilagen erschüttert selbst solche Reisende, die die Currywurst aus dem Pott für eine erlesene Delikatesse halten. Wer eine Pizza bestellt, darf getrost mit einer Beilage aus Spinat und Pommes Frites rechnen. Für mich jedoch gastronomisches Highlight war der Besuch in einem nahe Utrecht gelegenen, unter den Eingebor….Einwohnern als Geheimtipp geltenden Pfannkuchenhaus. Pfannkuchen, dachte ich, da kann selbst ein holländischer Koch nicht viel Schaden anrichten.

In der Tat schien es sich um das einzige Restaurant mit essbaren Mahlzeiten in der ganzen Umgebung zu handeln, zumindest deutete die Zusammenrottung hungriger Holländer am Eingang darauf hin. Tatsächlich musste man sich auf eine Warteliste eintragen und dann 30 Minuten warten, bis einem Eintritt in die heiligen Hallen dieses, dem Gott der Crepes, Omelettes und Pfannkuchen geweihten, Tempels gewährt wurde. Trotz unverständlicher Namensgebung verhießen die überdimensionalen Speisekarten entzückendste Gaumenfreuden, und auch die Gesichter unserer Tischnachbarn verrieten Vorfreude auf den kommenden Hochgenuss. In Erwartung eines lukullischen Erlebnisses solcher Qualität sieht man über die nun schon bekannten niederländischen Marotten hinweg. Wer beispielsweise Wasser bestellt, der erhält einen ganzen Krug davon. Mit einer Zitrone darin und vielen kleinen Eiswürfelbergen, so dass nur noch kitschige kleine Plastiktitanics fehlen, die on the rocks zerschellen und dann sinken. Aber es ist kein Mineralwasser, erst recht nicht solches mit Kohlensäure, sondern frisches klares Kranwasser aus einer mit Grünspan verzierten Leitung.

Wahrscheinlich ahnen sie es bereits, aber in den Niederlanden scheint man wirklich kein Interesse daran zu haben, auch den deutschen Genussesser für sich zu gewinnen. Das, was man mir auf dem Teller präsentierte, war einem Vileda nicht unähnlich, mit dem man zuvor in einer richtigen Küche, Schinken, Speck und Pilzreste aufgewischt hatte. Speck kann übrigens frisch sein, in Holland muss er das aber nicht. Üblicherweise sollte ein herzhafter Pfannkuchen ungesüßt zubereitet werden, eine Tatsache die den hiesigen Zuckerjunkies jedoch nicht bekannt zu sein scheint. Was ich da mit einem schmerzlichen Lächeln aß, um meine Gastgeber nicht zu kränken, sah deshalb nicht nur so aus, sondern schmeckte auch wie ein gezuckerter Aufnehmer.

Aus der Beobachtung der holländischen Mitesser am Nebentisch - eine etwas unglückliche Formulierung, wie mir gerade bewusst wird, also streiche ich sie - aus der Beobachtung der holländischen Gäste am Nebentisch offenbarte sich mir jedoch eine Erkenntnis:

Es muss einen grundlegenden physiologischen Unterschied zwischen Niederländern und Deutschen geben, denn den holländischen Essern trieb der Genuss eben jenes oben erwähnen Aufnehmers die Freudentränen in die Augen. Solchermaßen verzückt vom eingenommenen Abendmahl - hoffentlich nicht meinem letzten, dachte ich und versuche mich zu erinnern, wie man Salmonellen buchstabiert - fotografierte einer der Niederländer ohne Unterlass seine Verwandten und Freunde beim Verzehr des göttlichen Mannas, mit dem man hierzulande sogar einen Mülleimer vergiften könnte.

Die wieder und wieder aufblitzende Kamera tauchte das Restaurant in regelrechtes Strobolicht und langsam aber sicher wurde die Situation psychedelisch, ja ich fragte mich sogar, ob der kompostierte Speck und der überzuckerte Pfannkuchen eine halluzinogene Wirkung haben könnten. Noch am nächsten Tag war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich aufgestanden und zum Nebentisch gegangen bin, dem Holländer die Kamera entrissen, sie ihm in den Mund gerammt und zwischen seinen Zähnen ausgelöst habe, nur um heraus zu finden, ob blaue Blitze aus seinen Ohren, Augen und Nasenlöchern hervor schießen würden.

Meine Freunde versicherten mir jedoch, dies sei nicht geschehen, man habe mich nur lachend und laut "UIT, UIT, UIT" johlend und in die Hände klatschend aus dem Restaurant zum Auto tragen müssen - wobei ich nach Aussage meiner Freunde ausgesehen habe, wie ein die Flossen zusammenschlagender Seehund auf Crack. Währendessen versicherte ein heftig gestikulierender Restaurantchef wieder und wieder, es sei ein Versehen gewesen, dass man mir den so genannten Spacepancake serviert habe - eine Eierspeise mit besonderer Würze, die sonst nur in gut sortierten Coffee Shops gereicht wird. (Zu Erinnerung: Coffee Shops in Holland haben nur wenig Ähnlichkeit mit einer deutschen Tchibo-Filiale.)

Ehrlich gesagt glaube ich den Beteuerungen des Chefs nicht. Wahrscheinlich hatte mich das Personal dort von Anfang auf dem Kieker, mit sicherem Blick für deutsche Quertreiber als Regimekritiker identifiziert. Man wollte mich ausschalten, mich zu schweigen bringen und so verhindern, dass ich die Fakten zu Papier bringen kann, damit auch der Rest der Welt sie zur Kenntnis nimmt: Die ganze Wahrheit über Holland.

Als ich am nächsten morgen die Grenze zurück nach Deutschland überquere, bin ich mehr als erleichtert. Wieder daheim, wieder in der Realität, dem Traum entkommen weiß ich die gesamte Schönheit "meines" Ruhrpotts zu würdigen. So schön kann es einfach nur zuhause sein. Hier, wo man Essen essen kann, wo man sich hinter dicken Vorhängen und Rollos zu verstecken versteht, wo Autos auf der Autobahn noch so schnell wie Autos fahren dürfen, wo Häuser vier Wände haben und wo der Verzehr eines Stücks Kuchen nicht unweigerlich zu einem anaphylaktischen Schock führt.

Und wenn ich das nächste Mal feststellen muss, dass hunderte von PKWs mit niederländischem Kennzeichen die Parkplätze des Centros verstopfen, dann, so schwöre ich in diesem Moment feierlich, werde ich ihnen mehr Verständnis entgegen bringen. Denn nicht einmal einem Holländer ist der ständige Aufenthalt in Holland zuzumuten.

Das haben nämlich nicht mal die verdient…

 

 

ENDE

 

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